Medien : Vorsicht! Werbung: Die andere Werbung

Reinhard Siemes

Wenn Ihnen am Samstag Abend auf der Bismarckstraße häufiger extrem wichtige Menschen in Gewändern von Gucci und Zwirn von Armani begegnet sind, war das auf die Werbung zurückzuführen. Um 19 Uhr feierte die Branche sich und Ihre Leistungen in der Deutschen Oper. Der Art Directors Club für Deutschland, ein Verein zur Förderung der Kreativität in der Werbung, überschüttete Anzeigen, TV-Spots, Plakate und Fotoserien aus dem vergangenen Jahr mit 151 Medaillen.

Wie das? Wenn Sie die Werbeblöcke im TV sehen oder bunte Möbelprospekte im Briefkasten finden, schwanken Sie allenfalls zwischen Wut und Brechreiz. Auch ich, der ich in einer der zehn Jurys über Publikumsanzeigen richten durfte, hatte mich - wie jedes Jahr - auf kreativen Sondermüll vorbereitet. Doch, oh Wunder, von den insgesamt 7000 Exponaten (durch alle Medien) sind 30 Prozent so, dass sie weder Hautjucken noch Haarausfall verursachen. Einige machen den Augen und Ohren sogar Freude.

Die Schere zwischen der schmuddeligen Alltagswerbung und Wettbewerbsarbeiten entsteht einerseits durch die Auswahl. (Herr Ferrero würde sich eher in den Bauch beißen, als eines seiner Filmchen dem Gespött der Jurys auszusetzen.) Zugleich beruht sie auf einem sorgsam gepflegten Vorurteil: Werbung, besonders die deutsche, war schlecht, ist schlecht und wird auch in Zukunft eine mentale Sickergrube bleiben. So kommt es, dass pfiffige Anzeigen, originelle Kinofilme oder herrlich schräge Funkspots gar nicht erst wahrgenommen werden. Es sei denn, sie sind ausländisch und befinden sich auf der Cannes-Rolle.

Darum ein Vorschlag: Sollten Sie im Laufe des Tages zwei Stündchen erübrigen können, fahren Sie zum Columbiadamm 4 - 6, alter Hangar III. Hier können Sie bis 18 Uhr ein wenig staunen: über Werbung, Design, Fotos, Illustrationen und Internet-Auftritte, die fast so gut aussehen, wie die Roben, die am Samstag in der Deutschen Oper versammelt waren.

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