Medien : Vorsicht! Werbung: Es weihnachtet sehr

Reinhard Siemes

Die großen Markenartikler lassen das Weihnachtsfest traditionsgemäß erst nach dem Totensonntag am 25. November im Fernsehen beginnen. Ist ja auch komisch, wenn in die suizidale Trauermonatstimmung hinein Glöckchen klingen, Englein singen und Weihnachtsmänner mit Verbandswatte um sich werfen. Im Lebensmittelhandel aber ist schon jetzt Lebkuchen-, Spekulatius- und Christstollenzeit.

Das hat etwas Visionäres: Sie sitzen am einem Altweibersommertag bei 25 Grad auf dem Balkon. Vor Ihnen ein Tellerchen mit Zimtsternen. Und dazu ein Tässchen mit dampfenden Glühwein. So Sie eins haben, spielt das Töchterlein "Ihr Kinderlein kommet" auf dem Flötenholz. Und der Nachbar lässt das Weihnachtsoratorium von Johnny Bach durchs offene Fenster dröhnen.

Kleines Problem: Wenn Sie jetzt schon Weihnachten feiern - was macht der Lebensmittelhandel im nächsten Jahr? Ganz einfach, er muss die Vorweihnacht weitere drei Monate nach vorn legen, also in den Juni. Hier hocken Sie dann bei Spargel aus weißer Schokolade, Frühkartoffeln aus Marzipan und naschen dazu Maronen aus Lebkuchenteig.

Kleines Problem: Wenn Sie bereits im Juni beim weihnachtlichen Festtagsschmaus sitzen, müssen Tengelmann, Reichelt & Co. erneut vorgreifen. Datumstechnisch wird der 24. März zum Heiligen Abend. Das beißt sich allerdings mit den österlichen Sortiment. Schokoeier mit ordentlich Schnaps drin mögen ja noch angehen. Nach dem zehnten Exemplar singen selbst Innendekorateure "Oh Tannenbaum".

Was aber geschieht mit den Hasen? Sollen sie die Kiepe gegen Rösslein eintauschen und weiße Bärte tragen? Vor allem das Schuhwerk: Wie sollen sie hoppelnd süße Nester bauen, wenn sie schwere Lederstiefel an den Läufen tragen? Bleibt nur eins: Die Süßwarenbranche muss noch einmal drei Monate vorgreifen. Dann ist sie da, wo sie hingehört.

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