Medien : Vorsicht! Werbung: Gnade für Dummheit

Reinhard Siemes

Dass so viele Anzeigen belanglos sind, liegt in der Natur der Sache. 90 Prozent aller Menschen brauchen keine neue Waschmaschine. Und es geht ihnen mit ziemlicher Sicherheit auch an beiden Backen vorbei, wenn eine Bank, die früher BfG hieß, jetzt auf den Namen SEB hört. Und natürlich haben sie sich auch schon längst auf eine ganz bestimmte Telefonauskunft festgelegt.

So, jetzt stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie sind Texter oder Art Director in einer Berliner Werbeagentur und sollen Telefonkunden dazu bringen, von der gewohnten Auskunft zu einer neuen zu wechseln. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Sie informieren. Oder Sie provozieren. Das mit der Information ist leichter gesagt als getan. Vorher brauchen Sie nämlich eine pfiffige Idee, die Ihnen hilft, Ihre Information lebendig und interessant zu machen. Schließlich passiert bei der Auskunft A. überhaupt nichts anderes bei der Auskunft B.

Da ist es doch erheblich einfacher, Sie provozieren und missbrauchen Dinge, die vielen Menschen heilig sind. Geht ganz einfach. Sie nehmen ein Kruzifix und tauschen das Messingschild, auf dem normalerweise I.N.R.I. steht, gegen ein solches mit der Telefonnummer 11840 aus. Das ist schon als Bild extrem witzig. Dazu schreiben Sie eine Headline, die so schrill ist, dass die Marmorschüssel mit dem Weihwasser wackelt: "So merken sich Messdiener die Nummer der billigen Telefonauskunft." Mit diesem Machwerk gehen Sie zu Ihrem Kunden, der vor Freude auf die Schenkel seiner Sekretärin haut: Wunderbar! Endlich eine Anzeige, die das Einerlei der Auskunftnummern durchbricht. Ein neuer Anzeigen-Typus ist entstanden. Was sage ich - es ist sogar ein neues Werbe-Genre!

Ich habe mit Christus und Kirche weiß Gott nichts am Hut. Aber ich kann nur hoffen, dass der Gekreuzigte mit den Kreativen der Berliner Werbeagentur Scholz & Friends so umgeht wie mit allen einfältigen Menschen: gnädig.

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