Medien : Vorsicht! Werbung: Wer ist Becker?

Reinhard Siemes

Seit Wochen gibt es in den Medien, ob auf Papier oder elektronisch, nur ein Thema: Becker versus Becker. Manchmal rutscht zwar eine BSE-Kuh in das Ehedrama. Bisweilen werden die Berichte über Sorgerecht und Reparationszahlungen auch von einigen hundert Erdbeben-Toten gestört. Aber dann ist wieder Boris-Time. Sicher, der Gute hat sich sehr um Deutschland verdient gemacht. Deutsche Kinder überzeugte er mit einer volksnahen Art von Nutella. ("Ich Boris, äh, Du auch, äh, lecker.") Menschen mit Internet-Ängsten hat er an AOL herangeführt, indem er glaubhaft vorlebte, dass dieses Medium für jedermann geeignet ist. Der deutschen Tennisindustrie verhalf er zu einem trefflichen Boom. Und immer wieder konnte er das Ausland davon überzeugen, dass die Deutschen längst kein Volk mehr von Dichtern und Denkern sind. Sondern Menschen wie du und ich. Trotzdem, sein Verdienst ist das nicht. Das Phänomen des neuen, unbedarften Deutschen haben wir den neuen, unbedarften Fernseh-Sendern zu verdanken. Allen voran der RTL-Gruppe, die in Babs und Boris eine ideale Möglichkeit sehen, die "Big Brother"-Gemeinde weiter an sich zu binden. Dass auch "Spiegel", "Stern" oder Tagesspiegel den verschlagenen Tennisball mehrmals aufgriffen, ist etwas völlig anderes. Hier wurde keine schmutzige Wäsche gewaschen, sondern eine zwischenmenschliche Beziehung analysiert - psychologisch, juristisch, gesellschaftsrelevant. Trotzdem sei mir die Frage gestattet: Becker, wer ist das? Eine männliche und kontinentale Variante von Lady Di? Ein Moshammer mit Kindern statt Hund? Ein junger Beckenbauer, der besser Englisch spricht als der alte Deutsch? Für mich gibt es nur eine Erklärung: Er ist der Beweis dafür, dass die meisten Journalisten genauso ideenlos und bescheuert sind wie wir, die wir in der Werbung arbeiten. Nur viel wichtiger.

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