Medien : Vorsicht! Werbung: Werbemutanten

Reinhard Siemes

Wenn der gemeine Zeitungsleser joggend den Grunewald durchquert, gerät er zwangsläufig ins Schwitzen. Auch sein Haar wird feucht und zauselig, die Laufschuhe drecken ein, und der Einreiher von adidas wirkt angebraucht. Ähnliches sollte man von Leuten vermuten, die für Milchriegel, Mageryoghurt oder Herztropfen einherlaufen. Weit gefehlt.

Der Mensch in der Werbung hat seine Schweißdrüsen längst zurückgebildet. Seine Haut besitzt die Eigenschaften moderner Syntetik-Gewebe und atmet vollflächig durch - er schwitzt nicht. Auch sein Gesicht wird nicht mehr rot von der erzwungenen Hypertonie. Die Schuhe sind wie aus dem Regal, die Locken formgewalzt und das sportliche Tuch von trockener Passtreue. Ein Wunder? Nein, nur ein Vorgriff auf anstehende Realitäten.

In Zukunft haben wir selbstreinigende Fingernägel, Haut mit Mikrodüsen und Farbausgleich-Pigmenten, Springform-Haar und Füße mit integriertem Schmutzabstoß-Mechanismus. Doch diese Eigenschaften sind nichts im Vergleich zum Mundwasser- und Mayonnaisen-Phänomen. Ein paar Tröpfchen Odol zwischen die Mandeln, und Sie können gleichzeitig den Aufzug benutzen und die Treppen hochsteigen: Sie leiden an einer Mundhöhlen-Schizophrenie, die Sie in eine frische und eine muffige Hälfte spaltet. Möchten Sie der so gewonnenen Zweieinigkeit noch eins draufsetzen, geben Sie ein Löffelchen der Mayonnaise oder Feinkostsoßen von Thomy auf die Zunge. Nach einer kurzen Einwirkzeit erklingt ein Glöckchen. Und über Ihrem Haupt bildet sich ein Heiligenschein der kulinarischen Art: Eine Kochmütze, die allen Menschen in Ihrer Umgebung bedeutet, dass Sie unter die Junkfood-Nascher gegangen sind.

Falls Ihnen diese Vorstellung Angst macht, gibt es auch Werbemutanten der rückwärts gerichteten Art: Begeben Sie sich unter die Primaten und stemmen Sie rote Kühlschränke.

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