Medien : Vorsicht! Werbung: Wir leben noch

Reinhard Siemes

Das Branchenblatt "Werben & Verkaufen brachte am vergangenen Donnerstag eine graue Titelseite mit roter Schrift: "Es wird nichts mehr so sein wie zuvor." So gesagt von Prof. Dr. Jo Groebel, Medienpsychologe. Ein bedeutungsschwerer Satz mit integrierter Betroffenheit. Trotzdem mag ich ihm nicht folgen. Ich sehe nicht ein, dass ich das Bier in meiner Stammkneipe mit schlechtem Gewissen trinken muss. Dass ich über Filme wie "Some like it hot" nicht mehr lachen darf. Und dass ich Hemmungen habe, ein üppiges Steinpilzrisotto zu kochen. Doch so müsste ich mich verhalten, wenn ich mich dem weltweiten Entsetzen unterwerfen würde. Vor allem aber wäre ich sofort arbeitslos.

Wie darf ich über lustige Werbefilme und Anzeigen für Schokoriegel, Brillen oder Autos nachdenken, wenn im World Trade Center über 6000 Menschen begraben sind? Tatsächlich hätte ich das nie gedurft. Nicht zu Zeiten den Vietnamkriegs oder des Genozids in Jugoslawien. Nicht bei Erdbeben und Überschwemmungen. Und erst recht nicht angesichts der Millionen Kinder, die jährlich auf der Welt verhungern. Ich habe es trotzdem getan. Und werde es auch in Zukunft tun. Denn das Leben geht weiter wie vorher. Nicht das der Politiker, hoffe ich jedenfalls. Sondern das der Menschen. Die Politiker werden vielleicht sogar nachdenken und einsehen, dass Terror und Kriege keine natürlichen Erdbeben sind, sondern gesellschaftliche. Die Menschen aber werden - und das ist ihr Recht - auch in Zukunft Freude an schönen Autos haben, an leckeren Schokoriegeln und Brillen, mit denen sie wieder besser sehen können.

Vor Jahren hat mir ein Geistlicher auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gesagt: "Der Mensch lebt, um zu leben." Eine wunderbare Antwort. Wir müssen nur die Buddhisten, Hinduisten oder Muslime auch leben lassen.

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