Medien : „Vorwärts“ mit Heye

Gespräch mit dem neuen Chefredakteur über Pathos, Saarländer und Kakteen

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Herr Heye, bis August 2005 waren Sie Generalkonsul in New York. Was gefällt Ihnen am „Vorwärts“ in Berlin-Kreuzberg besser als an Manhattan? Haben Sie sich da gelangweilt?

Nein, ganz und gar nicht! Ich habe im vergangenen Jahr die Altersgrenze für den Auswärtigen Dienst erreicht. So konnte ich die USA noch ein bisschen bereisen, um dann nach Berlin, zur kleinen Schwester New Yorks, zurückzukommen.

Wie wird man eigentlich Chefredakteur des „Vorwärts“?

Vielleicht durch Lebensleistung?

Das heißt?

Viele Leute unterstellen, dass ich ein politischer Mensch und ein nicht so schlechter Journalist gewesen bin.

Was sind Ihre Ziele?

In der großen Koalition will sich die SPD unter Matthias Platzeck öffnen und alle zur Debatte um die Zukunftsfähigkeit dieses Landes einladen. Wenn die Partei also eine lernende Partei sein soll, muss sich der „Vorwärts“ ändern – er kommunizierte in den vergangenen Jahren eher in die Partei hinein. Jetzt soll er ein Debattenforum sein. Eine lebendige Partei muss es ertragen, dass der „Vorwärts“ programmatisch da und dort vor ihr herläuft.

Früher hatte der „Vorwärts“ eine solche Bedeutung nach außen.

In den Anfängen der Arbeiterbewegung hatte er eine riesengroße Bedeutung. Mit ihr war immer die Sehnsucht nach Bildung und Wissenserwerb verbunden. Das ist ihr großes aufklärerisches Pathos – da war der „Vorwärts“ sehr wichtig. Wenn man sein Schicksal verfolgt, verfolgt man die großen Brüche und Zusammenbrüche dieses schwierigen Vaterlandes. Das ist eine Dimension, die mich nicht kalt lässt. Ich empfinde es als Ehre, in der Nachfolge Andreas Hasenclevers…

…Gründer und erster Chefredakteur…

… zu stehen, und vieler anderer, die da an vorderster Front gestanden haben.

Warum war vom „Vorwärts“ in den vergangenen Jahren wenig zu hören?

Die Regierungspartei SPD wollte eine leise Begleitung, oder konnte nur die ertragen. Vielleicht geht das heute nicht anders, die Medien bewerten Auseinandersetzungen negativ – dabei ist nichts fruchtbarer als intellektueller Streit! Unter Willy Brandt war der „Vorwärts“ wichtig, es folgte Jochen Vogel und dann einer aus dem Saarland, der uninteressiert daran war, dass die SPD diskutierte.

Lag es auch am Blatt selbst?

Es gab eine Phase, in der wurde der „Vorwärts" als parteilich abgetan. Er konnte sich auf dem Markt nicht mehr behaupten, weil vielen das Zusätzliche, Nachdenkliche fehlte. Deswegen wird es vielleicht anerkannt, wenn er wieder zur selbstkritischen Contenance findet.

Schreibt bald auch FDP-Chef Guido Westerwelle?

Wenn er etwas zu sagen hat – das weiß ich aber nicht genau. Matthias Platzecks Einladung macht allerdings nicht an Parteigrenzen halt.

Was unterscheidet den „Vorwärts“ dann von anderen intellektuellen Magazinen?

Der „Vorwärts“ hat eine Auflage von 520 000 Exemplaren. Man kann ihn nicht zum Intelligenzblatt machen. Es sollten nachvollziehbare Diskussionen sein, die eine Breitenwirkung haben. Wir wollen neben dem Backbone der gesicherten Leserschaft auch als Menschenfischer und Leserfischer auf den Markt treten.

Sie haben in Ihrer Karriere mehrfach zwischen Politik und Medien gewechselt. Ist Ihr Posten beim „Vorwärts“ die Symbiose?

Nein. Aber diese Wechsel sind in Deutschland nicht sehr beliebt, anders als in den USA. Hier waren Parteien viel ideologischer. Es macht keinen dümmer zu gucken, was die anderen machen.

Der US-Optimismus hat Sie beeindruckt.

So ist es! Ich glaube, dass es die hiesige Larmoyanz in den USA so nicht gibt. Da hat man eher eine Haltung: Wir schaffen das. Hier ist das Glas immer halb leer.

Andere Mitglieder Ihres Jahrgangs gehen jetzt in Rente und züchten Kakteen.

Ich könnte bei all den wichtigen aktuellen Themen nicht mit übereinander geschlagenen Beinen auf der Tribüne sitzen und sagen: Macht mal! Ich habe Lust, meinen Beitrag zu leisten, solange ich gehört werde und man den Eindruck hat, dass ich etwas zu sagen habe.

Das Gespräch führte Fabian Grabowsky

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