Medien : Voyeurismus on Ice

Warum Zuschauer gern Promis scheitern sehen

Alice Bota

Alle ziehen mit: erst tanzen, jetzt eiskunstlaufen. RTL übernimmt die Konzepte von den Briten, und das schneller als die Konkurrenz Pro Sieben. Am Montag lief die erste Folge von „Dancing on Ice“, dem „Originalformat“, wie RTL betont. Die restlichen sieben Folgen werden von heute an immer samstags ausgestrahlt. Pro Sieben lässt nicht auf sich warten und startet am 18. Oktober mit der Show „Stars auf Eis“. Die Shows leben davon, dass halbwegs prominente Menschen Dinge tun, die sie eigentlich nicht können; weder tanzen noch eiskunstlaufen. Warum also schauten bei RTL am Montag 4,86 Millionen Menschen zu, wie semiprominente Dilettanten übers Eis rutschten?

Aus nacktem Voyeurismus. „Prominente will man in privaten Situationen sehen“, sagt der Autor und Medienforscher Klaus Thiele-Dohrmann. „Die Menschen wollen abgleichen, inwieweit sind die dort oben mir ähnlich. Sie stellen fest, dass die Promis die gleichen Eigenschaften, die gleichen Ehekrisen und die gleichen Probleme haben wie man selbst auch“, meint Thiele-Dohrmann.

Wenn Heide Simonis bei der Tanzshow von RTL eine dürftige Figur macht, wenn Sven Ottke nicht boxt, sondern auf dem Eis liegt und seine Partnerin unbeholfen in die Höhe hebt, kann der Zuschauer den Vergleich wagen. Und wenn Prominente ausrutschen, klopft er sich schadenfroh zu Hause auf den Schenkel und denkt sich: Hätte ich besser gekonnt. „Begeben sich Promis aufs Eis, ist das Interesse besonders groß, wenn sie auf die Nase fallen“, sagt Thiele-Dohrmann. Promis, die sprichwörtlich aufs Eis geführt werden, das sieht der Medienforscher als eine publikumsträchtige Metapher. Die könnte nach den Möglichkeiten des Eistanzes eingängiger nicht sein: Kriegt Michelle die Pirouette hin, hält der Boxer Sven Ottke seine Partnerin fest genug, wenn er sie in die Höhe hebt? Wer wird stürzen?

Das Lauern vor dem Fernseher ist eine „ angenehmere Form des Voyeurismus“, meint Thiele-Dohrmann. Angenehmer als der, den Paparazzi mit Wackelbildern bedienen. Es sei ja Voyeurismus im gegenseitigen Einvernehmen. „Die Promis wollen was zeigen, die Leute wollen es sehen“, so Thiele-Dohrmann.

Promis? Einige der Teilnehmer bei RTL und Pro Sieben sind bekannt. Über die Schlagersängerin Michelle war in der „Bunten“ von ihrem Selbstmordversuch zu lesen. Boxer Sven Ottke erzählte „Superillu“, was in seiner Ehe falsch lief. Aber Ruth Moschner? Lars Riedel? Branco Vukovic? Wer kennt die wirklich?

Es sind gewiss keine Prominenten, die bei „Dancing on Ice“ und „Stars auf Eis“ mitmachen. Aber würde Gerhard Schröder vor einem Millionenpublikum auf Eis rumrutschen? Eben. Dann besser auf die Semipromis zurückgreifen.

„Dancing On Ice“, Samstag, RTL, 21 Uhr 15, „Stars auf Eis“, ab 18. Oktober, Pro Sieben, 20 Uhr 15

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