Wahl-TV : Auf den letzten Drücker

Stefan Raab spielt Bundestagswahl, aber Merkel und Steinmeier machen nicht mit. Dabei würden sie hier ganz neue Wählergruppen erreichen, verspricht der Moderator.

Thomas Gehringer
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Die größte Wahlumfrage Deutschlands versprechen N24-Chefredakteur Peter Limbourg und „TV Total“-Moderator Stefan Raab (r.) für den...dpa

Stefan Raab hat mal wieder das letzte Wort: Am Samstagabend liefert der Privatsender ProSieben zur Sonntagsfrage eine letzte Wasserstandsmeldung. Wie 2005 können die Zuschauer der „TV Total Bundestagswahl“ kurz vor der realen Entscheidung schon mal ihre Stimme abgeben. Mitmachen dürfen alle, auch Minderjährige und Ausländer. „Bei uns darf man sogar mehrfach wählen“, warb Raab gestern in Köln für rege Beteiligung. Diese Form von Fernsehdemokratie freut auch den Sender, denn jeder Anruf und jede SMS kostet 49 Cent.

Wirklich repräsentativ ist „die größte politische Umfrage dieses Landes“ (Raab) zwar nicht, aber zum einen stößt der Kölner Moderator damit geschickt in die Lücke, die durch den Verzicht auf Umfragen in den letzten zwei Wochen vor der Wahl entstand. Zum anderen hatte sich vor vier Jahren das Wahlergebnis nach 500 000 abgegebenen Tele-Voting-Stimmen bei ProSieben mit der Tendenz zur Großen Koalition bereits abgezeichnet: Auch im „TV Total“-Bundestag reichte es nicht zu Schwarz-Gelb oder Rot-Grün. Recht genau waren die Ergebnisse der SPD (bei Raab 36,5 Prozent, bei der Wahl 34,2 Prozent) sowie der Grünen (8,8 Prozent/8,1 Prozent) getroffen worden. Auch die Linken kamen bei ProSieben besser weg (10,8 Prozent/ 8,7 Prozent). Kein Vergleich jedoch zur FDP (13,7 Prozent/9,8 Prozent), was bewies, dass Stefan Raab ein recht illustres Publikum vor den Bildschirmen versammelt. Nur die CDU/CSU schnitt deutlich schlechter (30,2 Prozent /35,2 Prozent) ab.

Vier Jahre später gibt es eine Art Déjà-vu-Erlebnis: Wie 2005 bemühen sich Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sowie Franz Müntefering (SPD), Guido Westerwelle (FDP) und Jürgen Trittin (Die Grünen) um die Gunst der Jung- und Erstwähler sowie der zahlreichen Unentschlossenen. Statt Bayerns Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein wird diesmal Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die CSU vertreten. Erstmals dabei ist Gregor Gysi (Die Linken). Die Chance, auf den letzten Drücker noch einmal vor einem jungen Millionenpublikum zu punkten, will sich keine Partei entgehen lassen. Beim letzten Mal schaffte die „TV Total Bundestagswahl“ 29 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 29-Jährigen.

An der Seite Raabs steht erneut N24-Chefredakteur Peter Limbourg, der für die journalistischen Fragerunden zuständig ist und somit immerhin die Chance hat, Versäumtes aus dem Kanzlerduell nachzuholen. „Ich erwarte eine härtere Auseinandersetzung“, erklärte Limbourg – was ja nicht schwer werden dürfte, und nannte als mögliche Themen Bildung, Jugendarbeitslosigkeit und das Internet. Insgesamt gehe es darum, „möglichst viele Menschen zur Wahl zu bringen“.

Auch der nach eigenen Angaben „treue Wechselwähler“ Raab gab den aufrechten Fernseh-Staatsbürger, der sein Publikum zur Wahl aufruft. Die Zumutungen für die Polit-Prominenz werden sich denn auch in Grenzen halten. „Nach dem harten Wahlkampf hat sich jeder Politiker einen einzelnen Auftritt verdient“, erklärte Raab grinsend und schob hinterher, dass für jeden einzelnen ein bestimmter Musiktitel ausgesucht werde.

Mag Stefan Raab auch im Politikbetrieb recht erfolgreich den Hecht im Karpfenteich spielen – die dicksten Fische lassen sich bei ihm nicht blicken: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) bleiben der Polit-Show des Privatsenders fern. Das wurmt Raab offenbar gewaltig, gestern in Köln redete er die beiden Spitzenkandidaten mit Engelszungen herbei. „Ich gehe davon aus, dass sich Herr Steinmeier am Samstag kurzfristig entscheidet“, sagte Raab. Seine Berater würden Steinmeier schon klar machen, dass er bei „TV Total“ Wähler anspreche, die er bisher nicht habe erreichen können. Eigentlich müsse er schon deshalb kommen, um zu suggerieren, dass er noch eine Chance hat. Nach Raabs Logik ist die Sache klar: „Wenn Steinmeier nicht kommt, dann weiß man schon, dass er verloren hat.“ Und die CDU? Die sei auf dem Sprung, um Frau Merkel doch noch zu schicken, falls Steinmeier zusage. Raab, ironisch: „Ich halte das für eine realistische Einschätzung.“ Das dürfte die erste Prognose sein, die schon mal nicht zutrifft.

„TV Total Bundestagswahl 2009“, Samstag, 20 Uhr 15, ProSieben

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