Wahl-TV : Steinmeier bei RTL: Nicht zackig genug?

Warum die RTL-Sprechstunde mit Frank-Walter Steinmeier wirklich gut war. Matthias Kalle über den Auftritt des SPD-Kanzlerkandidaten in "Zuschauer fragen - Frank-Walter Steinmeier antwortet".

Matthias Kalle
RTL Townhall Meeting mit BM Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier bei RTLFoto: ddp

Es ist zum wahnsinnig werden, mindestens aber zum verzweifeln: Da macht ausgerechnet der Sender RTL eine gute, informative Sendung zur Bundestagswahl – und schauen wollen das dann nicht mal eine Millionen Menschen, sondern gerade mal 810 000. Das entspricht einem Marktanteil von vier Prozent, und ganz Witzige werden jetzt vielleicht behaupten, dass das ja ungefähr dem Wahlergebnis der SPD am 27. September entsprechen könnte. Nur: Witzig ist das alles nicht mehr.

Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat, stellte sich am vergangenen Sonntag im so genannten Townhall-Meeting den Fragen der im Studio anwesenden Bürger, und das machte er ausführlich, korrekt, sicher. Was auch daran lag, dass es Steinmeier während der Sendung nicht mit überambitionierten Moderatoren zu tun hatte, sondern mit dem ruhigen Duo Maria Gresz und Peter Kloeppel, das sich so weit wie möglich im Hintergrund hielt. Steinmeier nutzte die Stunde, um sich als jemand zu präsentieren, der nicht nur schon seit Jahren für Deutschland arbeitet, sondern der auch ab Herbst gerne der Chef werden würde – es hat halt nur, wie dieser ganze verhexte Wahlkampf, niemanden interessiert.

Dabei war das, was RTL ablieferte, eine Wohltat gegenüber der Show-Hektik von Formaten wie „Illner Intensiv“. Einspieler von „Bürgern von der Straße“ waren die einzigen Elemente, die von den Studiobefragungen ablenkten. Es gab zum Glück nur eine einzige „Internetfrage“, weil die Macher vielleicht wissen, dass es keinen Sinn macht, etwas, dass aussieht wie Fernsehen 1954 ins Fernsehen 2009 zu integrieren.

Trotzdem ist die Sendung zäh, langsam, sie kommt nicht in Schwung – aber muss sie das denn eigentlich? Ist die Entschleunigung nicht am Ende ein gutes Mittel, um den Zuschauern die Politik Steinmeiers näher zu bringen? Jeder, der fragt, bekommt Zeit, um seine Frage zu formulieren, Steinmeier darf ausreden – wann gab es so etwas zuletzt im deutschen Fernsehen? Und dann gab es da noch etwas, etwas sehr Merkwürdiges.

Bereits um halb elf, da lief die Sendung eine halbe Stunde, stand im Internet auf www.spiegel.de eine Kritik. Und zwar eine Kritik der ganzen Sendung, bis zur Schlussfrage. Da stand alles drin, Steinmeiers Antworten – und natürlich eine Bewertung, und in dieser Bewertung schnitt Steinmeier nicht gut ab.

Dem Autor ging das wohl alles nicht zackig genug. Allen Ernstes warf er Steinmeier vor, er würde nicht genug polarisieren – als ob es das ist, was es braucht, um einen Wahlkampf zu führen. Als ob es das ist, was die Wähler hören wollen. Lob bekommt Steinmeier von spiegel.de dann tatsächlich dafür, dass er zwei Witze macht (die die Zuschauer der Sendung zu dem Zeitpunkt aber noch nicht gehört haben können).

Noch mal: Ein Politiker wird gelobt, weil er zwei Witze macht – und er wird kritisiert, weil er nicht polarisiert. Steinmeier beantwortete Fragen, der Bürger will etwas wissen vom Außenminister und Kanzlerkandidat der SPD. Das ist keine Comedyveranstaltung, das ist nicht lustig, da müssen nicht die Fetzen fliegen – spiegel.de sollte sich mal Gedanken über sein Bild von Politikvermittlung machen. Vielleicht liegt es genau an diesen Vorstellungen, dass sich die Menschen abwenden, nicht zur Wahl gehen. Und wenn sie so etwas im Internet lesen, während eine Sendung läuft, dann muss man sich auch nicht wundern, dass da keiner mehr einschaltet. Da ging wohl etwas daneben. Die RTL-Sendung wurde von Spiegel TV mitproduziert, deshalb hatten die Online-Redakteure die Talk-Show schon vorabgesehen, aber das war kein Scoop, sondern ein Fiasko.

Und so wurde dann aus einer ordentlichen Sendung ein weiteres Beispiel für die aktuelle Politikvermittlung der Medien. Da muss sich dann aber auch am 27. September keiner drüber wundern, wenn das Ganze am Ende schlecht ausgeht. Für alle.

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