Wahl zum Intendanten : Der Manuel Neuer des ZDF

Keine Überraschung in Berlin: Alle wollen Thomas Bellut, also wird er mit 96 Prozent als Intendant des Mainzer Senders gewählt.

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Chefwechsel. Thomas Bellut (links) folgt Markus Schächter nach.
Chefwechsel. Thomas Bellut (links) folgt Markus Schächter nach.Foto: dpa

Wie dramatisch sich Zeiten in Berlin ändern können. Am 17. Juni 1953 erhoben sich die Arbeiter gegen das SED-Regime, am 17. Juni 2011 erhob sich nur einer; und dieser eine stimmte gegen Thomas Bellut als neuem ZDF-Intendanten. Von den 73 anwesenden Fernsehratsmitgliedern stimmten 70 für den ZDF-Programmdirektor (das sind 96 Prozent), es gab zwei Enthaltungen und eine Gegenstimme. Die erforderliche Mehrheit lag bei 47 Stimmen. Thomas Bellut, 56, wird Markus Schächter, 61, am 15. März 2012 als Senderchef in Mainz ablösen – und keinen Tag eher, wie beide bei der Pressekonferenz am Freitag betonten.

Über den designierten ZDF–Intendanten ging ein Hagel an Lobesworten nieder. Der CDU-Politiker und Vorsitzende des Fernsehrates Ruprecht Polenz sagte, dass „das außergewöhnlich gute Ergebnis erstens, zweitens und drittens in dem Kandidaten“ begründet liegt, Schächter rühmte seinen „Wunschkandidaten“ als Mann von „Kreativität und Entschiedenheit“, sein Nachfolger stehe „für die Balance von Kontinuität und Neu-Akzentuierung“. Der Gesalbte selbst meinte, er musste „sich zum Wunsch, Intendant zu werden, nicht quälen“.

Ruprecht Polenz griff noch einmal das nach der parteipolitisch umkämpften Entscheidung für Markus Schächter 2002 als ZDF-Chef überraschende Faktum auf, dass am Freitag nur ein Kandidat zur Wahl stand. „Der FC Bayern wollte nur Manuel Neuer als Torwart haben und keinen anderen, das ZDF wollte nur Thomas Bellut und keinen anderen“, begründete der Fernsehratsvorsitzende die Aktion „Alle für einen“. Allerdings habe es neben Bellut noch vier Eigenbewerbungen gegeben; dass keine in den Wahlgang kam, hängt mit der Vorschrift zusammen, dass nur jener auf die Liste gesetzt wird, der von mindestens einem Fernsehratsmitglied protegiert wird. „Das war nicht der Fall“, sagte Polenz.

Der Situation, dass das ZDF für die lange Strecke bis Mitte März 2012 quasi zwei Intendanten hat, wird es geschuldet sein, dass der „herausragende Medienmanager“ Thomas Bellut – ein weiteres Polenz-Lob – nicht sehr deutlich machen konnte oder wollte, wie und wohin sich die Fernsehanstalt unter diesem Intendanten entwickeln wird. Seine „Regierungserklärung“ steht noch aus. Natürlich will das ZDF mit seiner um die drei Digitalkanäle erweiterten Senderfamilie – ZDFneo, ZDFkultur, ZDFinfo – ein umfassendes Qualitätsangebot an seine Zuschauer machen. „Qualität“ ist laut Bellut das „Kernthema“, die Richtschnur aller Programmanstrengungen und – natürlich – das nicht neue und doch immer wieder erneuerte Bemühen, nicht nur beim älteren, sondern endlich auch beim jüngeren Publikum zu punkten. Thomas Bellut sagte dem Tagesspiegel, dass er „es nicht zulassen wird, dass das Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer über die aktuell 60 Jahre steigen wird“. Eile tut Not. „Heute“, die Hauptnachrichtensendung des Zweiten um 19 Uhr, wird immer öfters von „RTL aktuell“ mit Starttermin 18 Uhr 45 überholt, bei der absoluten Zuschauerzahl, ganz zu schweigen beim Publikum zwischen 14 und 49 Jahren. Nach Angaben von Markus Schächter sei im Sender eine „Task Force“ installiert worden, wie der privaten Info-Konkurrenz wieder Paroli geboten werden könne.

Thomas Bellut will nicht nur an diesem Programmplatz, sondern insgesamt ein frischeres Angebot, insbesondere im Unterhaltungsbereich, bei den Serien wie auch im Tagesprogramm. Polenz unterstrich an dieser Stelle, dass auch der Fernsehrat ein konsens- wie mehrheitsfähiges ZDF-Programm ausgesprochen befürworte. „Das ZDF ist kein Resteverwerter für öffentlich-rechtliche Programme, die die Privaten nicht machen.“

Beide Intendanten, Schächter und Bellut, zeigten sich darin einig, dass der vom SWR-Chef Peter Boudgoust angeregte, gemeinsame Jugendkanal, quasi als Verlängerung des von ARD und ZDF betriebenen Kinderkanals nicht das Mittel zum Zweck sei, endlich mehr junge Zuschauer für das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu gewinnen. Zudem fehle es an Geld. Das ZDF setzt auf seine Digitalkanäle wie das zum Spätsommer reformierte ZDFinfo mit neuen Formaten als Brücke zur Netzgemeinde.

Thomas Gottschalk jedenfalls soll es an Geld nicht mangeln. Dem scheidenden „Wetten, dass...?“-Moderator hat das ZDF ein nach eigenen Angaben „großzügiges Angebot für ein neues Format“ unterbreitet. Schächter sagte, dass dieses Angebot selbst in der Konkurrenz zur ARD-Offerte nicht nachgebessert werde. Es entstand der Eindruck, dass die ZDF-Spitze von Gottschalks Wackelnummer – gehe ich zur ARD oder bleibe ich beim ZDF – nicht eben begeistert ist. Bellut: „Ich bin etwas enttäuscht“. Gemeint hat er „sehr enttäuscht“.

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