Wahlkampf : Wie steht es zur Bundestagswahl um den Online-Wahlkampf?

Um das Internet wird gebuhlt: Gestern diskutierten die Wahlkampfleiter der großen Parteien über ihre Strategien im Online-Wahlkampf. Kann man Obamas Erfolg im Netz kopieren?

Katja Reimann

Angela Merkel meldet sich per Video-Podcast aus dem Kanzleramt, alle anderen twittern und bloggen um die Wette. Immer mehr deutsche Politiker schicken regelmäßig ihren persönlichen Tagesablauf im Telegrammstil ins Internet. Ihr großes Vorbild: US-Präsident Barack Obama, der seine Anhänger online auf dem Laufenden hält.

Ob auch ein deutscher Wahlkampf ohne Online-Strategie künftig überhaupt noch funktionieren kann, darüber diskutierten am Dienstagabend in der Berliner Kalkscheune Wahlkampfleiter verschiedener Parteien vor mehr als 300 Zuhörern. Das Motto der Veranstaltung: „Heißt von Obama lernen, siegen lernen?“

Dass sich die Methoden des US-Präsidenten und seines Wahlkampfteams nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen lassen, darauf einigte sich die Runde schnell. „Man kann Obama nicht kopieren, aber adaptieren“, sagte Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin und Wahlkampfleiterin der Grünen. Nur dürfe bei aller Online-Strategie die Glaubwürdigkeit nicht verloren gehen. Für Hans-Jürgen Beerfeltz (FDP) ist ein Wahlkampf via Twitter jedoch an sich schon weitaus glaubwürdiger als parteipolitische „Propaganda von oben“. Die werde eh kaum noch geglaubt, sagte Beerfeltz.

Integriert man den Bürger auch nach der Wahl?

Auch für Kajo Wasserhövel bedeutet Glaubwürdigkeit: Einmal twittern, immer twittern. Denn wer Obamas Strategie aufgreife, die Bürger online in den Wahlkampf einbinde, der dürfe nicht nach der Wahl sofort damit aufhören, erklärte der SPD-Geschäftsführer. Dass die Parteien mit dem netzweiten Wahlkampf auch ein Stück Kontrolle verlieren, sieht Wasserhövel eher als Chance denn als Risiko.

Mit technischer Perfektion, darauf wies der ehemalige CDU-Wahlkampfleiter Peter Radunski hin, werde mangelndes Charisma allerdings auch nicht wett gemacht. Und einen Politikertyp wie Obama habe man in Deutschland schlichtweg nicht - selbst „wenn wir den gerne mal hätten“. Auch durch Obamas Charme habe sich der Wahlkampf in den USA online verselbstständigt, seien beispielsweise Liebeslieder auf den Präsidenten bei Youtube aufgetaucht. Zudem brauche eine Online-Strategie wie die Obamas auch ein entsprechendes Budget - das die Mittel deutscher Parteien weit übersteige.

Eine Warnung an die Politik kam von Peter Frey, dem Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios. Internetforen, die Informationen unkritisch verbreiteten, seien auch ein Instrument narzisstischer Selbstbespiegelung, sagte Frey. Persönlich auf die Menschen zuzugehen, bliebe den Politikern daher auch mit Online-Strategie künftig wohl kaum erspart.

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