Medien : Wahnsinn mit System

Die Dokumentation „Cinemania“ beschreibt das Leben von fünf Kinobesessenen in New York

Silvia Hallensleben

In Berlin gibt es sie, in Paris sowieso und in einigen anderen Städten wohl auch. Das Mekka der Cinemanen aber ist New York, die Stadt, wo auch die Kinos niemals schlafen und immer gerade eine Regie-Retrospektive oder ein rares Stummfilm-Programm Aufmerksamkeit fordert. Jack und Bill, Harvey, Eric und Roberta sind Filmverrückte, für die sich Lebenserfahrung auf die ästhetischen Glücksmomente zwischen Kinosessel und Leinwand reduziert. Besessene, deren Alltag sich zwischen zwanghafter Pflichterfüllung am Programm und hart erkämpftem Sammlerglück bewegt. Und so unterschiedlich die fünf Protagonisten auch sind, die Angela Christlieb und Stephen Kijak in ihrer unprätentiösen und dicht gewebten Dokumentation vorstellen, auch jenseits der Kinoliebe ist ihnen eines gleich: Es ist knallharte Arbeit, die sie leisten. Harvey, ein Bartträger mit Coach-Potato-Figur, kennt jede Filmlänge von Griffith bis heute auswendig und bastelt an einem System von Listen, um die verschachtelten Zeitpläne samt Anfahrtswegen in den Griff zu kriegen. Eric plant eine Software, die die Faktenbasis für seine cine-logistische Entscheidungsketten vereinfacht. Managerqualiäten sind gefragt. Trotzdem denkt erstaunlicherweise keiner daran, mit der Cinephilie den Lebensunterhalt zu bestreiten. So bleibt eigentlich nur Sozialhilfe, außer man hat geerbt.

Die harschen Lebensrealitäten kreieren eigenwillige Charaktere. So bekam Roberta, die „Queen of the Cinemaniacs“, für ihre ruppige Art im MoMA Hausverbot. Zu Hause lebt sie in einer überquellenden Sammlung aus Programmheften, Werbepappbechern und anderen Devotionalien der letzten Jahrzehnte. Frauen sind rar im cinemanischen Universum, vielleicht, weil das asketische Einsiedlerleben samt visueller Ersatzbefriedigung eher Männersache ist. Aber warum von Ersatz sprechen? Was ist schon normal? Und spiegelt das einsame Leben der Filmjäger und -sammler nicht zugespitzt auch das Schicksal derer, die auf unauffälligere Weise versuchen, der hereinströmenden Zeichenwelt Sinn abzuringen?

Die Dokumentation „Cinemania“ greift diese Fragen fast nebenbei auf, zwischen Fastfood und Milchkaffee. Privatleben jenseits von gelegentlichen gegenseitigen Heimarchivbesuchen hat jedenfalls keiner der fünf. Nur Bill, examinierter Philologe und Liebhaber europäischer Nachkriegsfilme, sucht über das Internet eine Gesinnungsgenossin, möglichst aus Godards Paris. Jacks Traum ist eine Liebesnacht mit Rita Hayworth in Schwarz- Weiss. Doch seine aktuelle Körperlichkeit beschränkt sich auf eine Diät, die Toilettenbesuchen durch Ballaststoffmangel vorbeugt.

Der auch für Nicht-Cineasten durchaus unterhaltsame Film zweier deutscher Filmemacher in New York wurde 2002 vom Bayerischen Rundfunk koproduziert und bietet heute abend zu einigermaßen publikumsfreundlicher Zeit auch dem gewöhnlichen Fernsehpublikum die Möglichkeit zur Begegnung. Und von den Pinkelproblemen einmal abgesehen: Manchmal können wir „Normalen“ uns nur wundern, wie nah uns diese scheinbar so exotische Spezies ist.

„Cinemania“, Bayerischer Rundfunk, Sonntag, 22 Uhr 40.

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