Medien : „Wandel ist möglich“

ROG-Sprecherin Astrid Frohloff über Grenzen der Pressefreiheit, sozialer und westlicher Medien

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Frau Frohloff, die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ legt jedes Jahr eine Liste der größten „Feinde der Pressefreiheit“ vor. Tunesiens Machthaber Ben Ali ist verschwunden, der König von Bahrain neu hinzugekommen. Wie kam es dazu?

Mit dem Sturz Ben Alis haben in Tunesien die Repressionen gegen Journalisten gottlob nachgelassen. Die Internetzensur ist aufgehoben, Reporter können ungehindert berichten, neue unabhängige Zeitungen entstehen. Ganz anders in Bahrain: Dort werden Journalisten, die über die Proteste im Land berichten wollen, bedroht, eingeschüchtert und verhaftet. Auf die Liste der „Feinde der Pressefreiheit“ haben wir in diesem Jahr 38 Staats- und Regierungschefs, aber auch kriminelle Organisationen und paramilitärische Einrichtungen gesetzt, die besonders gewalttätig und bedrohlich gegen die Pressefreiheit vorgehen.

Seit dem Umsturz in Tunesien und in Ägypten sind erst wenige Monate vergangen. Lässt sich bereits von Presse- und Medienfreiheit sprechen?

In Tunesien wird an einer neuen Verfassung gearbeitet, in die auch die Meinungsfreiheit mit aufgenommen werden soll. Es gibt noch viele Fesseln: Einige Themen wie Korruption oder Militär sind nach wie vor Tabu bei den Journalisten. In Ägypten wurden die Chefredakteure einiger staatlicher Zeitungen ausgetauscht, aber viele alte regimetreue Chefs sitzen noch auf ihren Posten.

Twitter und Facebook wurden als Katalysatoren der Revolution gefeiert. Sind sie das tatsächlich oder sind sie nur Instrumente einer jungen Bildungselite?

Wenn man weiß, dass in Tunesien zum Beispiel 70 Prozent der Bevölkerung jünger als 30 Jahre sind, kann man sich vorstellen, wie groß die Affinität in diesem Land zu den neuen sozialen Medien ist. In Ägypten ist das nicht viel anders.Bei den Aufständen haben Facebook und Co. ganz sicher eine beschleunigende, aber keine ursächliche Wirkung gehabt. Da spielten viele andere Faktoren mit.

Deutsche-Welle-Chef Bettermann sagt: „Das Internet ist nicht mehr nur ein Instrument für Dissidenten und Aktivisten, sondern auch für Diktatoren.“ Hat er Recht?

Absolut. Die Freiheit des Internets hat zwei Gesichter. Für Oppositionelle in totalitären Ländern bietet das Internet Freiräume. Andererseits nutzen zunehmend die Regierungen und Machthaber solcher Staaten das Netz für Propaganda. Zum Beispiel, indem gekaufte Blogger regierungstreue Ansichten verbreiten.

Teilen Sie den Eindruck, dass die Gärungsprozesse in Nordafrika und weiteren Ländern Arabiens die westlichen und damit die deutschen Medien überrascht haben?

Ja, seltsamerweise. Jahrelang waren Menschenrechtsverletzungen in autoritären arabischen Staaten kein Thema für uns. Jetzt, wo sich die Bürger Tunesiens und Ägyptens ihre Freiheit erkämpft haben, feiern wir sie als Helden.

Liefen die Korrespondenten den Leitlinien der deutschen Außenpolitik hinterher?

Mein Eindruck ist: Viele Journalisten haben – unbewusst oder nicht – über Jahre hinweg die Maxime der deutschen Außenpolitik geteilt, was die arabische Welt angeht. Die Menschenrechte rückten auch für uns in den Hintergrund, weil wir uns mit der offiziellen Prioritätensetzung zufriedengegeben haben: Weil in der Region politische Stabilität herrschen sollte und die Diktatoren uns die Islamisten und Afrikas Flüchtlinge vom Leib hielten.

Die Tötung von Osama bin Laden wird im Westen bejubelt, in der islamischen Welt teils hart kritisiert. Das wird die anti-islamischen Klischees befördern. Was können die Medien da leisten?

Der Westen hat ein ungenaues und oft vorurteilsgeprägtes Bild von der arabischen Welt. Dabei gibt es „die“ arabischen Länder eigentlich nicht. Unsere Aufgabe als Journalisten ist es, hier aufzuklären, was die arabische Welt bewegt. Und das heißt auch: Lieb gewonnene anti-arabische Klischees – wie jenes, dass Demokratie und islamische Welt nicht zusammenpassen - schleunigst über Bord zu werfen. Wandel ist möglich.

Astrid Frohloff, Journalistin und Fernsehmoderatorin, ist Vorstandssprecherin von „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) Deutschland. Mit ihr sprach

Joachim Huber.

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