Medien : Wanderpokal: Der "Preis der beleidigten Fernseh-Zuschauer" sucht einen Abnehmer

Robert Ide/Joachim Huber

Wim Thoelke hat ihn bekommen, Karl Dall, "Die Sendung mit der Maus" und Margarete Schreinemakers: Sie alle haben ihn - aber keiner wollte ihn wirklich haben, den "Preis der beleidigten Zuschauer". Zehn Mal hat ihn der Kölner Kleinverleger August Hofmann auf der Buchmesse bereits vergeben. 1989 war Premiere; damals wurde der Preis, wie Hofmann einräumt, "als zufälliges Stimmungsbild amüsierter Messebesucher" verliehen. Das hat den selbst ernannten "ersten Fernseh-Profizuschauer" nicht gehindert, "die herausragende Unverschämtheit eines Fernsehjahres" weiter zu prämieren. Bei der anstehenden 52. Frankfurter Buchmesse wird der Wanderpokal als Ergebnis "einiger Tausend zum Teil erbitterter Zuschriften" erneut vergeben.

Die Konkurrenz 2000 ist hart, sehr hart. Elf Kandidaten sind für die Abstimmung im Internet ausgeguckt (Mehrfachnennungen möglich). Schon mal freuen darf sich das ZDF: es liegt mit fünf Nominierungen einsam vorne und sehr deutlich über dem Durchschnitt, den der Mainzer Fernsehsender bei den anderen Fernseh-Preise in Deutschland erreicht. Zum Beispiel die ZDF-Homepage: dort durfte "Big Brother" Zlatko "Lesen ist langweilig" verkünden; oder die ZDF-Kameras: bei der Fußball-EM 2000 fielen die Tore im Hörfunk zwei Sekunden eher als im Fernsehen. Ferner nominiert ist die ZDF-Kampagne "Mit dem Zweiten sieht man besser", bei der die Mainzer Heroen Nina Ruge und Wolf von Lojewski "uns von riesigen Plakatwänden mit einem geschlossenen Auge anschauen".

Wo bleibt die Sandfrau?

Erwischt hat es ferner das Sandmännchen, den Gute-Nacht-Gruß des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg, "weil der Sandmann noch immer keine Sandfrau hat". Zu jedem Anti-Fernsehpreis gehört Verona Feldbusch; die Moderatorin forderte für eine Übernachtung im "Big Brother"-Container von RTL 2 ein eigenes Klo - und bekam es. Der FDP-Politiker Jürgen Möllemann kann ebenfalls auf einem Spitzenplatz landen. Möllemann sagte dem "Talk in Berlin" ab, um bei "Big-Brother" aufzutauchen. Begründung der Absage: "Es gibt strategische Besprechungen".

Sehr zu Recht nominiert sind auch der ehemalige TV-Berlin-Talker Christian Rahbari, der sich an den antisemitischen Sprüchen seiner Zuschauer beteiligte, und Birgit Schrowange. Die RTL-Moderatorin kündigte einen Beitrag über Behinderte mit den Worten an, es gebe Menschen, "die sind so hässlich, dass sie froh sein können, sich selber nie auf der Straße zu begegnen".

Die Auswahl der Kandidaten ist nicht so zufällig, wie sie auf den ersten Blick scheint. Veranstalter August Hofmann hat in Dortmund und Duisburg bereits Vorwahlen abgehalten. Der gelernte Versicherungskaufmann aus Köln tingelte im Sommer mit Wahlurnen durch die Fußgängerzonen und sprach Passanten für die Stimmabgabe an. Auch im Internet läuft seit einer Woche die Abstimmung, 6000 Menschen haben sich bisher beteiligt. Bis zum 21. Oktober können "beleidigte Zuschauer" noch abstimmen.

Hofmann scheint eine innere Wut auf die TV-Branche anzutreiben. "Die Fernsehfuzzis plappern und plappern. Die wissen gar nicht mehr, was sie reden", sagte er dem Tagesspiegel. Aussetzer wie der von Schrowange dürften einfach nicht passieren. "Die hat bestimmt nur vom Teleprompter abgelesen", meint Hofmann, "aber sie ist doch verantwortlich für ihre Texte". Als Beispiel einer besonderen Entgleisung steht Ottfried Fischer, der den Pokal im letzten Jahr verliehen bekam. Er hatte bei der Anmoderation einer Show aus Mallorca ältere Zuschauer mit dem Satz beleidigt: "Mallorca ist ja das 17. Bundesland - und hier verleben Deutschlands Rentner ihren letzten Winter."

Sündenregister im Internet

Damit solche unqualifizierten Fernseh-Sprüche der Ewigkeit erhalten bleiben, hat Hofmann jetzt eine Sünderkartei angelegt. TV-Rambos werden dort registriert wie Verkehrssünder in Flensburg. In der Liste finden sich so illustre Namen wie Erich Böhme oder Günther Jauch. Sogar Henry Maske ist dabei, dessen bombastische Abschiedsshow bei RTL als "grauenhafte nationalistische Entgleisung" gegeißelt wird.

Hofmann hat die Nase voll vom täglichen Bildschirmspaß. Seine Hoffnung, dass sich durch das Privatfernsehen die Branche mehr am Zuschauer orientiere, hat sich nicht erfüllt. "Auch die Privaten entwickeln sich zu Apparaten", klagt er. Handgemachtes Fernsehen mit Anspruch gebe es kaum noch. Hofmann will weiter für sein Ideal kämpfen. Im Selbstverlag verkauft er seit Jahren sein Buch "Der Profizuschauer", in dem er die Ausrutscher der Fernsehsender anklagt. "Mit jeder Buchmesse steigen die Verkaufszahlen", freut sich der selbst ernannte Medienwächter. Nun will Hofmann ein Nachfolgewerk verfassen. Und unerwünschte Preise vergeben - "so lange, bis die Fernsehfuzzis vernünftig werden".

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