Medien : War nur so ’ne Idee

Die ARD erzählt die Kurzgeschichte des Kommunismus in drei Teilen

Kerstin Decker

Der Untertitel ist merkwürdig: „Geschichte einer Illusion“ . Der französische Historiker Francois Furet hat den Kommunismus Illusion genannt. Illusionen zergehen wie Luftblasen; es bleibt nichts zurück. Das Wort suggeriert eine gewisse geistige und sonstige Harmlosigkeit.

Viele würden vielleicht „Geschichte eines Verbrechens“ viel passender finden, wenn vom Kommunismus die Rede ist. Aber unter dieser Horizontverengung versteht man nicht mehr, was hier zu verstehen ist. Der im vergangenen Sommer verstorbene Peter Glotz, Mitautor dieses Dreiteilers, hat das gewusst. Wie war es möglich, dass die kommunistische Idee so viele der besten Geister zweier Jahrhunderte faszinieren konnte? Das ist auch die Frage dieses Films. Eine Frage, die sich angesichts des großen Parallel-Totalitarismus der Zeit nicht stellen lässt. Und da ist noch ein Unterschied im ideellen Gewebe: Die Idee des Kommunismus ergriff auch die „Massen“ nicht bei ihren niedersten Instinkten wie die nationalsozialistische, sondern bei ihren besten Regungen. Das definiert die Fallhöhe der Sache. Von hier aus begreift man ihr Ende, in der DDR, in der Sowjetunion. Noch nie in der Geschichte sind Regimes so abgetreten. So fast ohne Gegenwehr, ohne alle in den eigenen Untergang mit hineinzuziehen. Es war, als habe sich der Kommunismus ganz zuletzt noch der Idee erinnert, deren Verwirklichung er einmal sein wollte.

Schon um der Etappen dieses Endes willen (Gorbatschow!) lohnt es, die Dokumentation zu sehen, die Peter Glotz noch gemeinsam mit Christian Weisenborn für die ARD gemacht hat. Ein unergründlicher Ratschluss der Programmplanung hat ihn donnerstags um 23 Uhr 45 platziert; der beste Sendeplatz für Schlaflose und übernächtigte Intellektuelle. Der erste Teil kommt heute. Der sozialdemokratische Blick auf die Geschichte prägt tatsächlich: Glotz und Weisenborn zeigen, wie Scheidemann das Nachkriegs- Deutschland 1918 vor den bolschewistischen Irrläufern Liebknecht und Luxemburg bewahrt. Kein Wort darüber, dass das unermüdliche sozialdemokratische Mittragen des Ersten Weltkriegs die Spaltung der Arbeiterbewegung erst hervorgerufen hat. Man sollte das aber mitdenken. Denn es geht um das Sichtbarmachen der fatalen Knotenbildungen der Geschichte.

Manche sind durchaus skurril: Wäre das kaiserliche kriegführende Deutschland nicht auf die Kriegslist verfallen, dem russischen Zaren ein trojanisches Pferd zu schicken – vielleicht hätte es die Sowjetunion nie gegeben? Das trojanische Pferd war der verplombte Zug, der Lenin erst – quer durch ganz Deutschland – nach Russland brachte. Zwecks russischer Wehrkraftzersetzung. Lenin hat die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht enttäuscht.

Obwohl der Großrevolutionär mit dem Sturm auf das Petrograder Winterpalais nichts zu tun hatte. Es war auch nicht direkt ein Sturm. Eigentlich habe fast keiner etwas gemerkt. Nur besaßen am nächsten Morgen die Bolschewiki die Macht. Ein kleines Kommando unter Trotzki hatte nachts das Winterpalais besetzt, sie haben nichts kaputtgemacht, nur den Weinkeller ausgetrunken. Schade, sagt Valentin Falin, einst sowjetischer Botschafter in der Bundesrepublik, noch heute mit einem tiefgefühlten Ton des Bedauerns. Solche Sequenzen lohnen den Film. Denn man erfährt nicht direkt etwas Neues in dieser Kurzgeschichte des Kommunismus, auch wenn wir vielleicht noch nie so viele Original-Filmaufnahmen von Lenin und Trotzki gesehen haben. Trotzki, der als Einziger nicht bei Lenins Trauerfeier war. Stalin hatte ihm einen falschen Beisetzungs-Termin gesagt; damit war die Machtfrage so gut wie entschieden!

Der Kommunismus-Expertenchor ist demokratisch-vielstimmig und reicht von Professor Michael Stürmer (Faschismus und Kommunismus, die „wahlverwandten Systeme“) bis zu einem Ex-KGB-Chef, der die schöne Formulierung findet, seine Behörde habe „diejenigen eingeschüchtert, die eine andere Vorstellung von staatlicher Gewalt hatten“. Glotz’ Dokumentation kulminiert – wohl zu Recht – in der Helsinki-Konferenz 1975 über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Hier geschah (durchaus ein sozialdemokratisches Verdienst) die entscheidende Weichenstellung zur Selbst-Auflösung eines Systems, das nie zu einem modernen, also nichthierarchischen inneren Betriebssystem fand.

„Kommunismus“: 23 Uhr 45, ARD; nächste Folgen am 27. April und 4. Mai zur gleichen Zeit.

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