Medien : Warten auf den Feierabend

Tom Peuckert

verrät, was Sie nicht verpassen sollten Die Zeugen des letzten europäischen Krieges sterben aus. Aber ihre Stimmen sind in den Rundfunkarchiven aufbewahrt. Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes dringen sie noch einmal hinein in das aktuelle Programm. Erinnerung auf allen Kanälen. Features, Themennächte, Hörspielcollagen. Aus der Fülle empfehlen wir das Feature „Der Zweite Weltkrieg“ von Wolfgang Bauernfeind und Helmut Kopetzky. Kriegsteilnehmer und -betroffene erzählen, was sie erlebt haben. Die Ehefrau, die ihren Mann im Sommer 1939 flüchtig verabschiedet, weil sie ihn nach wenigen Wochen aus dem Krieg zurück- erwartet. Erst elf Jahre später wird sie ihn das nächste Mal sehen. Der Sanitäter, der in Russland Erfrierungen behandelt. Der nationalsozialistisch erzogene Junge, der in letzter Minute für den Werwolf ausgebildet wird. Dazwischen eingestreut die Reden von Hitler und Goebbels. Ein irres Kasperletheater, so scheint es dem Nachgeborenen, das die Deutschen zuerst bejubelt und dann mit ihrem Blut bezahlt haben (Kulturradio, 4. Mai, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Das interessanteste Buch zum Schiller-Jubiläum hat Rüdiger Safranski geschrieben. Der verdiente Schopenhauer-, Heidegger- und Nietzsche-Biograf hat nun auch die Welt des Weimarer Klassikers filigran analysiert und feurig beschrieben. Im Gespräch mit Eberhard Sens erzählt Safranski, was seinen Schiller zur aktuellen Bezugsgröße macht. Wer das Buch „Friedrich Schiller: Enthusiasmus als Therapie“ noch nicht gelesen hat, kann nun im Radio erste Bekanntschaft schließen (Kulturradio, 5. Mai, 22 Uhr 04).

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Vor kurzem haben die Philologen einige unbekannte Texte von Brecht entdeckt. Es handelt sich um Geschichten vom Herrn Keuner. Brecht hat diesen Keuner in den 20er Jahren erfunden, um seinem Publikum Lehren in Sachen Dialektik zu erteilen. Keuner ist Philosoph des Alltäglichen, ein rätselhafter Bursche, der menschliche Kalamitäten mit stark unterkühlter Logik seziert. Manfred Krug liest die spektakulären Archivfunde im Radio vor. „Bekannte und neue Geschichten vom Herrn Keuner“ heißt die hörenswerte Veranstaltung (Deutschlandradio, 6. Mai, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

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Vom Elend der Arbeitslosigkeit ist in diesen Tagen oft die Rede. Dass auch die Arbeitswelt ihr spezielles Elend erzeugt, hat Gesine Danckwart im Hörspiel „Täglich Brot“ zum Thema gemacht. Wir erleben eine Gruppe zeitgenössischer Figuren im sarkastischen Monolog vor dem Spiegel. Ein Montagmorgen, gleich werden sie hinaustreten in ihre Existenzen als Supermarktkassiererin, Angestellte der Werbebranche, Intercity-Reisender mit Aufstiegshoffnung. Es beginnt ein mühevolles Warten auf den Feierabend, ein nervenzerrüttendes Streben nach einem besseren Platz in der betrieblichen Hackordnung, das Sehnen nach einem fernen utopischen Zustand, der so etwas wie Kreativität von ihnen verlangt. Die Figuren leiden an einer Berufsarbeit, die ihre humanen Kräfte nicht herausfordert, sondern einfach nur verschleißt(Deutschlandradio, 9. Mai, 0 Uhr 05)

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Psychologen kennen noch ganz andere Formen des Leidens. Zum Beispiel die berühmte Midlife crisis. Den Blues der mittleren Jahre. Die Jugend ist vorbei, das Alter als Drohung unaufhörlich präsent. Das Prinzip Hoffnung hat seine Lebensmacht verloren. Was schützt jetzt gegen Depressionen? Wie kommt man heil durch den Tunnel? Birgit Schönbergers Feature „Anfang oder Ende der besten Jahre?“ gibt Antwort (Kulturradio, 10. Mai, 19 Uhr 04).

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