Medien : Warten auf den Gegenschlag

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Der Bundeskanzler war nicht amüsiert. Dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften die Kampfsimulation „Counterstrike“ am Donnerstag nicht auf den Index gesetzt hat, sei das „absolut verkehrte Signal". Zumal der Kanzler gerade die Videospiele-Industrie auf weniger Gewalt auf den Computer-Bildschirmen eingeschworen hatte. Einen ungünstigeren Zeitpunkt für die Rehabilitierung des Ego-Shooters konnte es kaum geben, oder kein ungünstigeres Ergebnis der Bundesprüfer.

Auch die Bundesfamilien- und Jugendministerin kann den Spruch der Behörde „nicht nachvollziehen". Eilends schickte Christine Bergmann, der die Bundesprüfstelle untersteht, eine Pressemitteilung hinterher. Schließlich hatte selbst die freiwillige Selbstkontrolle der Unterhaltungssoftware-Industrie das Spiel als für Jugendliche ungeeignet erklärt. Und weil die Entscheidung aus Bonn so gar nicht zu dem passt, was die Berliner Politik mit der Änderung des Jugendschutzes vorsieht, hat die Ministerin bereits angekündigt, „Counterstrike“ nach der Gesetzesnovelle erneut zu prüfen.

Freiwillige Selbstkontrolle, verbindliche Altersfreigaben, mehr Medienkompetenz, das sind die neuen Waffen im Kampf gegen die Ballerspiele. Dagegen stehen: Eltern oder Geschwister, die sich nicht an die Altersbeschränkungen halten, Tauschbörsen auf dem Schulhof und vor allem: das nicht zu kontrollierende weltweite Netz.

Gewalt in den Medien führt nach Expertenmeinung nicht direkt zu Bluttaten wie den Todesschüssen von Erfurt. Verbrechen als direkte Wirkung von Medienkonsum blieben der Einzelfall, sagte der Generaldirektor des Europäischen Medieninstitutes, Jo Groebel, am Freitag auf einer Veranstaltung des bayerischen Familienministeriums in München. Andere Faktoren wie das Familienklima oder Alltagsfrustrationen seien entscheidendere Ursachen.

Das Risiko mit „legalisierten“ Spielen darf dennoch nicht unterschätzt werden. Dass die blutigsten Passagen aus den deutschen Lokalisierungen herausgenommen werden, ist keine Garantie für weniger Gewalt. Längst existieren Internet-Seiten, die mit so genannten „Bloodpatches“ die rote Farbe wieder ins Spiel zurückbringen. „Ich habe nur ein kleines Problemchen, bei mir spritzt zwar rotes Blut und die Schusswunden sind auch rot, aber die Blutlache bleibt immer noch grün“, schreibt ein User auf einer der Blutpages. Perfektion gibt es eben nicht.

Die Freunde der Actionspiele fühlen sich von der Politik unverstanden. Was hat ihr Hobby mit Erfurt zu tun, wird immer wieder gefragt. In einer Newsgroup werden die Versuche zur Gewalt-Eindämmung kurzerhand mit Zensur gleichgesetzt: „Willkommen im freien Deutschland, wo niemand das Recht hat, selber zu entscheiden, was er spielen möchte“, beschwert sich ein Computerspieler und fährt fort: „Eines weiß ich mit Sicherheit, meine Stimme kriegt jetzt bestimmt kein Herr Schröder mehr.“ Auf die Antwort aus dem Netz „Glaubst du, bei Stoiber wäre es anders?“ reagiert ein dritter Diskussionsteilnehmer: „Nein Stoiber kriegt meine Stimme auch nicht! Ich gebe sie einfach dem Herrn Westerwelle.“

Die FDP als integrative Kraft. So einfach ist das. Kurt Sagatz

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