Medien : Warten auf den Investor

Gibt es noch Bedarf für deutsch-jüdische Emigrantenzeitungen? Warum sich der „Aufbau“ überlebt haben könnte

Michaela Soyer

Wie eine Erinnerung an bessere Zeiten, so hängen die großen Fotografien von Thomas Mann und Manfred George im Büro des „Aufbau“ in New York. Unter Chefredakteur Manfred George, der die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung von 1939 bis 1965 leitete, hatte das Blatt alles, woran es ihm heute mangelt: Anzeigenkunden, Kontakte, eine klar definierte Zielgruppe. Fast alle Mitarbeiter des „Aufbau“ waren emigrierte Journalisten. George gewann prominente Autoren und schuf eine publizistische Institution mit wirtschaftlichem Erfolg. Davon ist in diesen Tagen nicht viel übrig geblieben. Es könnte passieren, dass der „Aufbau“ eingestellt wird. Noch drei Wochen reicht das Geld. Die aktuelle Ausgabe ist nur im Internet erschienen; wäre sie gedruckt worden, hätten die Gehälter nicht ausgezahlt werden können.

In finanziellen Schwierigkeiten steckt der „Aufbau“ schon lange. Die vergangenen zwei Jahrzehnte sind vom Niedergang geprägt, die alten Leser in den USA sterben, junge rücken kaum nach. Im Mai 2002 wollten die Redakteure daher der Überalterung der Leser etwas entgegensetzen. Sie erkannten, dass sich das Judentum nicht auf Klezmermusik reduzieren lassen darf. Also wurde der „Aufbau“ optisch und inhaltlich modernisiert, in Berlin wurde ein Korrespondenten-Büro eröffnet. Mit der Gründung des Berliner Büros traf der „Aufbau“ in Deutschland auf viel Sympathie. Die Abonnentenzahlen stiegen. Doch der große Durchbruch blieb aus. Es fehlte das Geld für ein offensives Marketing.

„Wir haben viele Fehler gemacht“, sagt Chefredakteur Andreas Mink und fügt im gleichen Atemzug hinzu, wer viel ausprobiere, mache auch viele Fehler. „Wir wollten damals zu viel.“ Anstatt sich darauf zu konzentrieren, den deutschen Markt zu erschließen, wollte der Verlag gleichzeitig in New York Leser gewinnen und baute die Redaktion aus. So sollte sich der „Aufbau“ zu einer transatlantischen Zeitung wandeln, die sich Deutschland und Europa öffnet. Um dies zu erreichen, wurde der englischsprachige Anteil auf fünfzig Prozent erhöht, denn die zweite und dritte Generation deutscher Juden in New York spricht kein Deutsch mehr. Und es zeigte sich, dass die Redaktion das Interesse der Kinder und Enkelkinder der Emigranten überschätzt hatte.

Gibt es vielleicht gar keinen Bedarf mehr für eine deutsch-jüdische Emigrantenzeitung? Hat sich der „Aufbau“ überlebt? Der Historiker und New Yorker „Aufbau“-Leser Peter Gay bejaht das: „Während des zweiten Weltkriegs war das Lesen der Zeitung beinahe eine lebenswichtige Beschäftigung, heute wird der ,Aufbau’ nicht mehr benötigt, die zweite Generation ist assimiliert.“ Der seit Jahren anhaltende Abwärtstrend in den USA war trotz des idealistischen Engagements der Mitarbeiter nicht aufzuhalten. Das transatlantische Konzept wurde halbherzig umgesetzt, prominente Autoren kehrten dem Blatt den Rücken. Im „Aufbau“ dominieren die Erinnerungen der Emigranten. Zeitzeugenberichte anstatt aktuelle Berichte.

Henryk M. Broder, der Ende der 80er Jahre für den „Aufbau“ geschrieben hat und kürzlich für die Sonderausgabe der Zeitung zum 70. Geburtstag einen Artikel beisteuerte, trauert dem „Aufbau“ nur aus „sentimentalen Gründen“ nach: „Jüdische Journalisten brauchen den ,Aufbau’ nicht, wir können unsere Themen auch in anderen Zeitungen platzieren. Für tote Juden gibt es in Deutschland immer Geld.“ Für die Zeitung, die Teil einer lebendigen Erinnerungskultur sein könnte, ließ sich kein Spender finden.

Seit zwei Jahren sucht der „Aufbau“ Investoren. Vergeblich. Die Verhandlungen mit der Jüdischen Gemeinde sind gescheitert. Auch die Verlage zeigten kein Interesse. Nicht einmal Springer, der schon aus historischen Gründen interessiert sein müsste. Schließlich steht die Aussöhnung mit Israel und dem Judentum in den Unternehmensgrundsätzen des Verlags. 600 000 Euro benötigt die Zeitung im Jahr.

Sylva Franke, Vorsitzende der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde, war im Exil in Südamerika eine treue Leserin des „Aufbau“. Sie sagt, dass „das deutsche Judentum, für das die Zeitung steht, in Deutschland in der Minderheit ist“. Tatsächlich sind die meisten Juden in Deutschland heute russischsprachig. Ein weiterer Grund, der es dem „Aufbau“ so schwer gemacht hat, in den jüdischen Gemeinden anzukommen.

Bis Ende April halten Andreas Mink, Rainer Meyer und Ines Hirschfeld, die letzten fest angestellten Journalisten des „Aufbau“, die Stellung. Die Zeitung ist nicht verschuldet. „Wir brauchen die nötigen finanziellen Mittel, um uns auf Zeitungsinhalte und unsere Leser konzentrieren zu können“, sagt Ines Hirschfeld, Büroleiterin in Berlin. Findet sich bis Ende April kein Investor, verliert die deutsche Presselandschaft eine Zeitung mit großer Vergangenheit, die nie eine Chance auf eine große Zukunft bekommen hat.

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