Medien : Warten auf den Todesengel

Sterbehilfe oder Mord? Der Münchner „Tatort – Außer Gefecht“ knüpft an unbequeme Fernsehfilme an

Thilo Wydra

Es geht um die Angst vor dem Sterben. Es geht um das Tabuthema Tod. Um Sterbehilfe. Um Sterben in Würde und um Sterben, ohne wahrgenommen zu werden. Ein wichtiger „Tatort“ also. Einer, der wie einige Fernsehfilme zuvor in letzter Zeit sich dieser tabuisierten Sujets annimmt und sie adäquat, klar und präzise behandelt.

Er ist ein Todesengel. Einer, der andere Menschen in den Tod schickt. Einerseits. Einer, der es ihnen leichter macht zu gehen. Andererseits. Johannes Peter Peschen (sonst „Tatort“-Kommissar Jörg Schüttauf aus Frankfurt) war Krankenpfleger. Irgendwann begann er, schwerstkranke, unheilbare oder alte Menschen in den Tod zu spritzen. Ein Mörder ist dieser Peschen für viele. Er aber wollte nur helfen, wollte von Schmerzen befreien, wollte Erlösung bringen. Und die beiden Münchner Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) suchen diesen Peschen. Als sie einen anonymen Tipp bekommen, er halte sich an einem Abend im Drehrestaurant des Münchner Olympiaturms auf, da treibt Leitmayr fast schon besessen alles an, um eine Festnahme möglich zu machen. Als Kellner ganz in Weiß verkleidet, warten die beiden Kommissare auf den Todesengel. Derweil bedienen sie und pflaumen sich an. Leidet Batic doch an einer unangenehmen Magenverstimmung und hält das alles hier für Mumpitz. Der kommt doch eh nicht, viel zu clever ist dieser schwarze Engel. Sie kriegen sich in die Wolle, streiten richtig, so sehr, dass Leitmayr sich alleine sieht, als Peschen plötzlich vor ihm steht, mit gefärbtem Haar, übergroßer Brille, ganz in Dunkel. Und ihn an den bereits angelegten Handschellen in den Fahrstuhl zerrt, ihm eine Spritze in die Schulter rammt, während der nörgelnde Batic mit dem Kollegen Carlo Menzinger (Michael Fitz) in der Restaurantküche ist, wo ihn angeblich jemand am Telefon verlangt. Und der Aufzug mit Peschen und Leitmayr bleibt irgendwo auf halber Höhe des Turmes stecken…

Der 43. „Tatort“ mit den Münchner Kommissaren, „Außer Gefecht“, knüpft thematisch an unbequeme Fernsehfilme wie „Marias letzte Reise“ oder „Ein langer Abschied“ an, an seltene und wichtige Filme, die das Sterben in unserer Gesellschaft aus einer Dunkelecke holen. Sterben gehört zum Leben. Es betrifft uns alle. Wenngleich uns allenthalben in Werbung und Medien eine absurde Unsterblichkeit suggeriert wird. In der renommierten ZDF-Reihe „Bella Block“ etwa wurde das Thema bereits zweimal behandelt, und vor allem zu Bellas 13. Fall, „Tödliche Nähe“ (2003, Regie: Christiane Balthasar, Buch: Richard Reitinger), weist dieser herausragende „Tatort“ des Bayerischen Rundfunks Ähnlichkeiten auf. Auch da schwebte ein Todesengel durch Hamburg. Auch da wollte ein Pfleger dem Leid ein Ende setzen. Nur, dass das in Deutschland auf legalem Wege – wie etwa gerade in der Schweiz – nicht geht. Man macht sich strafbar, sobald man sich in dieser ungeregelten und ambivalenten Grauzone zwischen Leben und Sterben betätigt. Wann etwa wird die Grenze zwischen Sterbehilfe und Tötung überschritten?

Es ist Realität, dass oftmals gar Patientenverfügungen von Ärzten ignoriert werden. Die Patienten, zumal Todkranke, sind ihnen und den Pflegern hilflos ausgeliefert. Und so sieht man in diesem von Christian Jeltsch geschriebenen und von Friedemann Fromm inszenierten „Tatort“, wie Pfleger alte, debile oder schwerstkranke Menschen an Betten festbinden, wo sie sich bewegungslos wund liegen. Man sieht, wie Leichen emotionslos im Gang abgestellt werden wie Gegenstände. Man sieht, wie Menschen entmenschlicht werden, ihrer Würde beraubt. Das hat etwas ungemein Kaltes, Raues, Beklemmendes. Es ist dies eine bundesrepublikanische Realität, die schockiert. Sie geschieht in jeder Stadt, direkt vor unserer Haustür. Hier ist es München. Dort, wo Krankenschwester Inge Kehrer (Ulrike Krumbiegel), die einmal mit dem Todesengel Peschen zusammen war, darunter leidet, dass sie selten nur Zeit hat, einem Menschen beim Sterben beizustehen. Meist geschieht es in völliger Einsamkeit. Zwei bis drei Pfleger kommen auf Dutzende von Patienten. Wie soll das gehen?, fragt sie Menzinger und Batic und bittet Menzinger, da sie woanders gebraucht wird, kurz die Hand eines Sterbenden zu halten: „Singen Sie etwas, einfach irgendetwas, was Ihnen gerade einfällt.“ Und Menzinger singt und hält die Hand. Eine völlig unpathetische, doch zutiefst berührende Sequenz. Der „Tatort – Außer Gefecht“ ist außergewöhnlich. Er ist gut und stimmig. Er ist durchaus realistisch. Und ja, er ist dadurch wichtig.

„Tatort – Außer Gefecht“: ARD, 20 Uhr 15

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