Medien : Warum Neshe nicht heiraten will

Eckart Lottmann

Die 18-jährige Neshe lebt im Untergrund. Nicht, weil sie ein Verbrechen begangen hätte. Sie wollte nicht zwangsverheiratet werden. Das könnte sie das Leben kosten. Noch immer dürfen viele türkische Frauen in Deutschland nicht selbst entscheiden, mit wem sie zusammen sein wollen. Wenn sie ausbrechen aus dem, was die Eltern vorschreiben, droht ihnen Gewalt, oft der Tod. Gabriele Jenk erinnert in ihrer Reportage an das Schicksal der jungen Türkin Semra. Mit 15 Jahren wurde Semra gegen ihren Willen verheiratet. Jahre später, kurz nach der Scheidung, spürte ihr Ex-Mann sie auf, erstach sie auf offener Straße, vor den Augen ihrer dreijährigen Tochter. Das passierte im November, in Berlin.

Neshe kennt solche Beispiele. Sie hatte einen Freund, ihre Mutter erfuhr davon. Was wäre passiert, wenn ihr Vater davon gewusst hätte? „Er hätte mich umgebracht“, sagt Neshe. Sie glaubt, dass er sie suchen lässt, wechselt öfter die Wohnung. Serap Ciceli hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben: „Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre“. Auch sie wurde mit fünfzehn Jahren verheiratet, versuchte, sich umzubringen. „Ich hatte das Glück, nicht im Namen der Ehre ermordet zu werden.“ Jedes Jahr bringen türkische Väter, Brüder, Ehemänner Dutzende von Frauen um, weil sie sich nicht in das Leben fügen, das für sie beschlossen wurde. Serap erinnert auf ihrer Website daran: Mit Fotos, Namen, Tätern und Motiven. Ein Denkmal im Internet. Verdienstvoll ist diese TV-Reportage, weil sie eindringlich die Not schildert, in der viele türkische Frauen sind. Es bleiben viele, Tausende von jungen Frauen aus der Türkei, über die bestimmt wird, gewaltsam. Es muss etwas für sie getan werden. Vielleicht ist Gabriele Jenks Reportage ein kleiner Anstoß.

„Döner, Kopftuch, Zwangsheirat“: ZDF, 18 Uhr 30

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