Warum reden alle über Kerner? : Talkshows, die die Tektonik der Gesellschaft berühren

Bernd Gäbler

Sensation und Sentiment sind die üblichen Werkstoffe einer Talkshow. So findet sie im Fernsehfluss Anschluss an Krankenhäuser und Zoos; Kochen, Ratgeber und „Promis“. Mittendrin reden wir also darüber, wie wir leben oder gerne leben würden. Nein. Wir lassen uns unterhalten. Selber unbeobachtet, beobachten wir die Hauptsache: Wie alle miteinander reden. Wohlig gebettet ins Ritual des Gewohnten lauern wir auf eine Überraschung. Über die können wir uns erregen – oder abschalten. Darin liegt die sozialtherapeutische Funktion des Fernsehtalks. Welchem Sprechen wir wie zusehen, das sagt etwas über uns aus.

Wir sind nervös, wenig selbstsicher und dementsprechend leicht zu erregen. Und es gibt kein wohligeres Grausen als den Blick in den Nazi-Abgrund. „Kerner“ war der Erregungshöhepunkt der Woche. Schon Stunden vor der Ausstrahlung verkündeten die Macher am Dienstag stolz, dass etwas Besonderes passiert sei. Eva Herman war vom Gastgeber aus der Gemeinschaft der Redenden ausgestoßen worden. Über ihr mittlerweile drittes Buch zum Thema Mutterschaft, natürliche Bestimmung des Weiblichen, Familienleben und Werte sollte sie plaudern. Angestoßen vom „Cicero“, befeuert durch sagenhafte Verkaufszahlen für relativ einfältige Bücher, bewegt sich die inzwischen mit dem Attribut „umstritten“ geadelte Autorin längst in einer medialen Umlaufbahn, die sie überfordert. Bedeutung, Mission, Martyrium – das sind die Etappen ihres trotzig-triumphalen Selbstmissverständnisses. Was aber wollte Kerner von ihr? Egal. Irgendwas mit Eva Herman – das versprach Aufsehen.

Am Ende stand die beste Quote des Jahres. Johannes B. Kerner, der unter gutem Journalismus schon verstand, zum Schulmassaker in Erfurt einen minderjährigen Augenzeugen vor die Kamera zu zerren,wollte ihr vermutlich Gelegenheit zur Re-Integration in den allgemeinen Laberstrom geben. Er glaubte aber, es sei vorteilhaft, sich selber unnachgiebig zu geben. So etwas nennt man die Simulation einer Kontroverse. Trotz vorheriger Absprachen rannte die Beschuldigte wie ein störrischer Esel in jede Sackgasse. Über den Verlauf unserer Geschichte könne man nicht sprechen, ohne in Gefahr zu geraten, raunte sie. Ebenso von der „Gleichschaltung der Medien“.

Tja, so ist das mit den Deutschen. Überall steht er herum, der Mustopf mit der klebrigen braunen Soße. Was tun? Wie wäre es mit Kenntnissen und Argumenten? Würde Kerner solche von Bischof Mixa einfordern oder Ministerpräsident Oettinger wegen des Filbinger-Gedenkens zur Rede stellen – Hut ab! Aber das wäre ja auch ernsthaft. So wurde nur nach bizarrem Reden mit billigem Mut die Sicherung eines antifaschistischen Konsenses vorgespielt.

Hätte diese öffentliche Skandalisierung auch nur einen Jota zu tun mit etwas Bedeutendem, Ernstem, hätte auch nur einer der Diskutanten Courage zeigen müssen, womöglich wäre der Eindruck entstanden, bei den heutigen Deutschen funktionierten die demokratischen Reflexe. So trat nur der Reflex der Ausgrenzung an die Stelle des Diskurses. Und Aufregung, Parteinahme, Urteile multiplizierten sich in Tausenden von Internet-, Hunderten von Lokalradio- und Boulevardbeiträgen zu einem erschütternden Strom der Ahnungslosigkeit.

Das alles ist nicht erheblich. Denn dies war nur die Simulation einer demokratischen Selbstvergewisserung einer noch immer bis in die Nervenspitzen unsicheren Gesellschaft.

Ein zweiter großer Debattenstrang durchwirkte das Talk-Gewerbe der Woche. Er aber berührt die Tektonik der Gesellschaft. Vordergründig wirkt es kurios: Wir sollen ergriffen sein von einem Streit zwischen Beck und Müntefering. Eine Maßnahme beim ALG I soll uns erschüttern. Souverän, strukturiert, logisch und klar führte Volker Herres durch den „Presseclub“. Und doch gab es kaum eine schrecklichere Sendung. Warum? Es ging um ALG und Hartz IV, die Agenda-Politik, die SPD und das Parteiengefüge. Alle Diskutanten waren sich einig, dass es Blödsinn sei, an ALG I auch nur zu rühren. Statistiken und die Systematik der Agenda-Politik wurden ins Feld geführt. Kundig wurden parteipolitische Winkelzüge und machttaktische Kalküle entschlüsselt. Und doch wurde letztlich nur die Mini-Welt der Leitartikler hin- und hergerollt. So extrem wie selten zerfällt der Journalismus im Moment in zwei Abteilungen: Weltendeuter und Reporter.

Selbst „Beckmann“ war da erfreulich anders. Früher, als Biolek noch regierte, war die Talkshow die Bühne für den Politiker als Mensch, wo er sich als Ehemann oder Lover, Opernfreund oder opulenter Esser zeigen konnte. So ging Reinhold Beckmann in der Vorwoche auch mit dem weitgehend unpolitischen Buchautor Klaus Wowereit um. In dieser Woche aber war es anders. Ein gelöster, auf jede affektierte Anwanze verzichtender Beckmann sprach mit dem altersmilden Fischer über Rot-Grün, Russland und Tibet, Schröder und Albright, Hessen, Kosovo und den Irakkrieg. Sogar Fischer wollte einmal nicht unbedingt siegen. Siehe da – es wurde ein Gespräch.

Ein völlig anders Medienprodukt als Kerners Simulationen oder die abgeschottete Elite des „Presseclubs“ boten in der vergangenen Woche Plasberg und Illner. Es ging um dasselbe: ALG, SPD etc. Fast beängstigend souverän absolvierte Plasberg die letzte Ausgabe von „Hart, aber fair“ im Dritten Programm. Gegenüber dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers praktizierte er beispielhaft, was Anne Will propagiert: „Politisch denken, persönlich fragen.“ Die Parteien sind ihm nicht egal, aber deren Proporz schon. Bei „Maybrit Illner“ dagegen sitzt die übliche Runde. Von Roland Koch bis Gregor Gysi. Auch wie Anne Will – wenn diese nicht gerade dem uralten Talkshow-Missverständnis unterliegt, Dr. Brinkmann von der „Schwarzwaldklinik“ nach der Gesundheitsreform zu befragen – sind beide auf der Suche nach der Gesellschaft. Aber sie setzen die Schwerpunkte anders. Beiden helfen Einspielfilme und „Betroffene“. Bei Plasberg aber ist der „Betroffene“ nicht nur emotionaler Bezugspunkt, er agiert auf Augenhöhe.

Bei Illner handeln die kleinen Filmchen von Statistik, Umfragen und allgemeinen Behauptungen zur CDU. Bei Plasberg sind sie konkret. Illner freut sich diebisch, wenn es zum Schlagabtausch zwischen Gregor Gysi und Roland Koch oder Klaus von Dohnanyi und Ottmar Schreiner (beide SPD) kommt. Plasberg strahlt, wenn die von BenQ entlassene Birgit Euting dem Journalisten Hans-Ulrich Jörges in die Parade fährt. Plasberg ist nicht gefeit gegen vordergründig Populäres, aber seine Welt zerfällt (noch?) nicht in Populismus und Expertentum. Dazu ist die redaktionelle Arbeit zu umsichtig. Obwohl er sicher eher als Quotenjäger denn als Ideologe agiert, spürt er, dass sich mit dem Ruf nach Gerechtigkeit gerade etwas Fundamentales tut in unserer Gesellschaft. Das ist ihm wichtiger als jedes SPD-Kalkül. Beck und Müntefering, ALG und Rüttgers sind nur Ausformungen. Für Illner bleiben sie das Eigentliche. Beide inszenieren, wissen, dass man Tatsachen nie nackt erwischt, dass sie selber Teil des Medienzirkus sind – Illner in der Kuppel, Plasberg auf dem Boden.

Das Fernsehen sieht seine Aufgabe darin, die Wahrscheinlichkeit des Abschaltens zu minimieren. Wie bei „Kerner“ macht es sich selber zum Ereignis. Aber selbst wenn wir nur auswählen können, nicht entscheiden oder mitreden, geschieht es, dass am Ende doch nicht allein Fortgang oder Abbruch des Redens interessieren, sondern ein Inhalt aufscheint. Eine Gesellschaft, die sich eilig und ängstlich demokratisch aneinander klammert, fragt sich, wie sozial sie sein will.

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