Medien : Warum schoss Robert Steinhäuser?

Zwei Jahre nach dem Amoklauf von Erfurt sucht eine Doku nach den tieferen Ursachen

Hans-Jörg Rother

Fünf Monate lang saß Robert Steinhäuser in einem Café, während im Gutenberg-Gymnasium der Unterricht lief. Abends vertrieb er sich in seinem Zimmer die Zeit mit Videospielen, denn Schulaufgaben brauchte er ja nicht mehr zu erledigen. Die Mutter schalt ihn laut wegen seiner Faulheit. Am Morgen des 26. April 2002 schloss der Vater den Widerstrebenden in die Arme und ahnte nicht, dass es das letzte Mal sein würde. Vier Stunden später erschoss der Sohn zwölf Lehrer, vier Schüler und sich selbst in der Schule, die ihn im November 2001 hinausgeworfen hatte.

Der Chor der Überlebenden

Den Hergang der Tat, die Trauer in der Stadt, die Bestürzung im Land und auch die anhaltenden Debatten um das Verhalten der Polizei konnten Thomas Schadt und sein Ko-Autor Knut Beulich als bekannt voraussetzen, als sie in Erfurt Material für einen neunzigminütigen Film sammelten. Schadt, der zuletzt „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“ drehte, ist für seine hautnahen Beobachtungen bekannt. Hier nun zeigt er ein Café ohne Besucher, ein leeres Zimmer, eine Schule ohne Schüler und die thüringische Großstadt meist aus weiter Distanz. Er verband Stimmen zu einem Chor der Überlebenden: Zwei Lehrerinnen, die Schulleiterin, eine Pastorin, zwei tragisch verwitwete Männer reden über die Ursachen dieses „Amok in der Schule“, der kein Amoklauf war, sondern ein geplanter Mord. Die Mutter und der Vater des Täters sprechen über die eigenen Versäumnisse. Von ihnen gibt es kein Bild, keinen Originalton. Schauspieler leihen den beiden und dem Bruder ihre Stimme. Auch Robert Steinhäuser selbst kommt im Film zu Wort. Herbert Grönemeyer liest eine Passage aus einem von ihm verfassten Deutsch-Aufsatz: „Ich denke, ich stehe noch am Anfang meines Lebens.“

„Eltern, Schule, Gesellschaft“, so lauten die Stichworte der Englischlehrerin, die bei dem Massaker den Mann verlor. Die Eltern tragen schwer daran, den mittelmäßig begabten Sohn aufs Gymnasium geschickt und damit überfordert zu haben. Auf jedermann lastet der Leistungsdruck. Wer sich nicht an die Regeln hält (Robert Steinhäuser fälschte ein Attest, um sich vor einer Klausur zu drücken), wird fallen gelassen. Die Schule sah keine Veranlassung, den Versager im Auge zu behalten. Die vom Sohn belogenen Eltern waren mit sich beschäftigt, und im Café, wo er seine Vormittage verbrachte, dachte sich womöglich mancher seinen Teil und schwieg.

„Schrei nach Veränderung“ könnte diese aufrüttelnde Sammlung von Stimmen und Gesichtern heißen, aber das ist die Selbstbezeichnung einer Schülergruppe, die im Film den lebendigsten Teil abgibt. Sie reiben sich, wie Generationen vor ihnen, am Zuchtcharakter der Schule, an dem die eingeräumte Selbstständigkeit und der lockere Ton wenig ändern. Allerdings reden auch sie kaum über Robert Steinhäuser. Er ist die Unperson, über die man schnell zur Tagesordnung und zur Gesellschaftskritik übergehen will. Dabei haben die aufgeregten Schüler und die Lehrer nur allzu Recht, wenn sie Überforderung, Familienzerfall und den Werteverlust in der Ellenbogengesellschaft beklagen.

Wie ein Büchnersches Drama

Thomas Schadt und Knut Beulich haben beharrlich um diese Aussagen gerungen und alles getan, damit sich der Film von einer Reportage abhebt. Sie provozieren ein anhaltendes Nachdenken über die tieferen Ursachen der Tat, aber auch über den Druck, der sich in einem Menschen ansammeln kann. „Was steckt alles in uns drin“, sagt die Pastorin, ein Satz wie aus einem Büchnerschen Drama. Und sie fügt hinzu: „Robert Steinhäuser gehört zu dieser Gesellschaft.“

„Amok in der Schule“: 23 Uhr, ARD

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