Medien : Warum verbrannte Oury Jalloh?

Ein WDR-Film untersucht den mysteriösen Tod eines Asylbewerbers in einer Dessauer Polizeizelle

Eckart Lottmann

Kann ein Häftling in einer Polizeizelle verbrennen, wenn mehrere Beamte Dienst tun, ein Rauchmelder und eine Gegensprechanlage zur Zelle funktionieren? Eigentlich ist das unmöglich, zumindest, wenn die Beamten ihren Job ernst nehmen. In Dessau aber starb der Asylbewerber Oury Jalloh im Feuer, und niemand soll schuld daran sein, außer ihm selbst. Die „Story“-Redaktion des WDR rekonstruiert heute Abend die merkwürdigen Umstände dieses Todes.

Oury Jalloh, Anfang zwanzig, offiziell geduldeter Asylbewerber aus Guinea, belästigte am Morgen des 7. Januar 2005 angeblich Putzfrauen. Die herbeigerufene Polizei nahm den betrunkenen Mann mit, steckte ihn in eine Ausnüchterungszelle, an Füßen und Händen „fixiert“, also gefesselt. Ein paar Stunden später hört der verantwortliche Dienstgruppenleiter, Andreas S., über die Gegensprechanlage laute Rufe aus Jallohs Zelle. Er dreht die Anlage leiser. Als der Rauchmelder der Zelle Alarm gibt, stellt er den Alarm aus. Er ignoriert auch den zweiten Alarm. Es vergeht wertvolle Zeit, bis endlich die Feuerwehr gerufen wird. Die findet Oury Jalloh, tot und brennend.

Die WDR-Autoren Pagonis Pagonakis und Marcel Kolvenbach stützen sich bei dieser Schilderung auf die Angaben der Polizeibeamtin Beate H., die Andreas S. schwer belastet. Von ihren Aussagen vor Gericht wird vieles abhängen. Wichtiger noch als die unterlassene Hilfeleistung aber ist die Frage, wie es überhaupt zum Brand kam. Die Staatsanwaltschaft betont, Oury Jalloh sei trotz Fesselung in der Lage gewesen, ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche zu ziehen und anzuzünden. Aber er hatte kein Feuerzeug bei sich, schwört der Polizist, der Jalloh vorher durchsucht hatte.

Es handelt sich nicht um einen Krimi, den sich jemand ausgedacht hat. Der Tod des Oury Jalloh, das ist ein Stück aus dem wahren Leben. In der Zelle 5 der Dessauer Polizeiwache starb vor drei Jahren auch ein 36-jähriger Obdachloser, der ebenfalls gefesselt war. Die Ursache für seinen Tod: ein Schädelbasisbruch. Der damalige Dienstgruppenleiter: Andreas S., derselbe, der in Oury Jallohs Fall so spät reagierte.

Die WDR-Autoren treffen Freunde von Oury Jalloh und Rechtsanwälte, die versuchen, die mysteriösen Umstände des Todes in der Polizeizelle aufzuklären. Sie begleiten mit ihrem Kamerateam auch Mouctar Bah, einen Afrikaner, der Oury Jallohs Eltern in Guinea aufsucht. Damit erreicht dieser Film eine zweite Ebene: Oury Jalloh wird von einem „Fall“ zu einer Person mit einer Familie und einer Geschichte. Jallohs Vater erzählt vom Bürgerkrieg in Sierra Leone, der Tausende das Leben kostete. Vor diesem Krieg floh die Familie nach Guinea, floh Oury Jalloh nach Deutschland.

Es starb ein junger Mann, der von einem friedlichen Leben träumte, von einer Familie. Er hätte nicht sterben müssen, sagt der WDR-Film. Die Autoren präsentierten Informationen, legen weiter gehende Fragen nahe: Wurde Oury Jalloh verbrannt, um vorangegangene Misshandlungen zu vertuschen? Geht es um Mord? Müssen Menschen mit anderer Hautfarbe, aus sozialen Randgruppen Angst um ihr Leben haben, wenn sie in Polizeizellen gesperrt werden? Dieser Todesfall und seine Hintergründe müssen mit aller Sorgfalt aufgeklärt werden. Vielleicht trägt der Film des WDR etwas dazu bei. Es wäre ein doch hoffnungsvoll stimmender Beleg für die gesellschaftliche Funktion der Massenmedien.

„Tod in der Zelle“, ARD, 22 Uhr 45

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