Medien : Was bin ich?

Ein starker „Bloch“: Rudolf Kowalski ist „Der Mann im Smoking“, ein Mann ohne Gedächtnis, aber mit Albträumen

Thomas Gehringer

Eine seltsame Krankheit ist das: Ein Mann eilt einsam durch die weite Landschaft, gut gekleidet, aber offenbar verwirrt. Er wirft seinen Ausweis von einer Brücke in den Fluss und entledigt sich an anderer Stelle seines Eherings – nur um wenig später Passanten in einer Stadt um Hilfe zu bitten, weil er sich angeblich an nichts mehr erinnert, nicht einmal an seinen Namen. Rudolf Kowalski ist dieser „Mann im Smoking“, wie der zehnte Fall der ARD-Reihe „Bloch“ heißt.

Die Rolle ist ein schöner Kontrast zu dem gerade ins TV-Leben gerufenen, äußerst kontrollierten ZDF-Kommissar „Stolberg“ aus Düsseldorf, und doch glänzt Kowalski auch hier mit seinem zurückhaltenden, genauen Spiel an der Seite von Dieter Pfaff. Denn natürlich landet der Unbekannte in Blochs Praxis, auf der Straße aufgelesen übrigens von der Patientin, mit der der Therapeut in seinem letzten Fall („Die Wut“) zu tun hatte.

Filme über Menschen, die ihr Gedächtnis verloren haben, sind im Fernsehen ausgesprochen beliebt: Allein in diesem Jahr wurden mit dem Psychodrama „Dornröschen erwacht“ (ARD, mit Nadja Uhl) und der düsteren Miniserie „Blackout“ (Sat 1 und Kabel 1, mit Misel Maticevic) zwei bemerkenswerte Stoffe umgesetzt. Aller guten Dinge sind drei. Nun geht auch „Bloch“, bei dem ja Gedächtnislücken und verdrängte Traumata sowieso ein Dauerthema sind, gewissermaßen aufs Ganze: Der Unbekannte im Smoking hat gleich seine komplette Identität zu Hause zurückgelassen. Ehefrau, Kinder, Beruf und Wohnort – alles ein großes Rätsel. Auf dem Malblock, den Bloch ihm in die Hand drückt, bleiben die Seiten leer und weiß. Als „dissoziative Fugue“ wird diese seltene Form von Amnesie bezeichnet, die sich während der plötzlichen Flucht aus der gewohnten Umgebung einstellt. Nur einige Traumsequenzen mit zersplitterndem Glas, Perlen und seltsam starren Mädchenfiguren sind dem Unbekannten geblieben. Doch davon erzählt er seinem Therapeuten lieber nichts, denn mindestens ebenso stark, wie er sich nach seiner Identität zurücksehnt, fürchtet er sich davor.

Autor Marco Wiersch und Regisseur René Heisig ist einer der bisher besten „Blochs“ gelungen: Die langsame Annäherung an die wahre Persönlichkeit seines Patienten bleibt immer spannend und trotz des ungewöhnlichen Krankheitsbildes bis zur Auflösung glaubwürdig. Zudem überzeugt „Der Mann im Smoking“ mit manchen originellen Details, Nebenfiguren und einem erfrischenden Wortwitz, der die gelegentlich salbungsvolle Therapiesprache erträglicher macht. Man denke nur an die genervte Mitarbeiterin von der Klinikaufnahme, die sich mit Bloch einen köstlichen Schlagabtausch liefert. Wie soll sie bloß einen Mann ohne Gedächtnis und Identität aufnehmen? „Dann schreib ich mal Albert, wie mein Mann – der vergisst auch immer alles.“

Im Streit mit dem Psychiatriearzt, der in dem nunmehr „Albert Unbekannt“ genannten Patienten ein Karriere förderndes Forschungsobjekt sieht, kommt Bloch mächtig in Fahrt. Wie beide Ärzte an diesem Patienten zerren und ihn für sich beanspruchen, verleiht der Geschichte zusätzliches Tempo und Temperament.

Zumeist gewinnt Bloch die Oberhand und nimmt „Albert Unbekannt“ sogar mit nach Hause. Diese Masche hat den dramaturgischen Vorteil, dass alle Angehörigen der Bloch’schen Patchworkfamilie ohne krampfhafte Verrenkungen in den Fall miteinbezogen werden. Natürlich schlagen sämtliche Psychotherapeuten dieses Planeten dabei die Hände über dem Kopf zusammen. Die Fernsehfigur Bloch muss sich jedoch glücklicherweise nicht an die realen professionellen Standards halten. Außerdem brauchte sein Gartenhäuschen dringend ein neues Dach.

„Bloch: Der Mann im Smoking“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15

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