Medien : Was die RAF und Cindy & Bert gemeinsam haben

Friedrich Küppersbusch produziert den Westdeutschen ihre Nostalgie-Show. ZDF zeigt drei Dokumentarfilme über die 70er, 80er und 90er Jahre

Mechthild Zschau

Von Mechthild Zschau

Ach ja, die 70er. Hippiezeit. Flattergewänder und Wallemähne, Räucherstäbchen, Suche nach der Kinderseele in einer kaputten Welt. „Ich mache nichts mehr, ich bin einfach nur noch“, an diese ihre Haltung erinnert sich die Schauspielerin Eva Renzi lächelnd und ohne Bedauern. Damals machte sie sich im Ford Transit gemeinsam mit der halbwüchsigen Tochter Anouschka nach Indien auf. Die schaut von heute aus skeptischer zurück auf ihre spinnerte Mutter, die sie durch die Welt zerrte. Aus Protest wurde sie selbst zum angepassten Discogirl ohne Interesse an Esoterik oder gar Politik. „Damals hatte ich die Wahrheit“, sagt Barde Hannes Wader. Der deutsche Johnny Cash erzählt mit leiser Melancholie, wie er beim Wienerwald kein Hähnchen bekam wegen langer Haare und tritt, weißbärtig und hakennasig, noch einmal auf bei einem DKP-Treffen, ein gealtertes Double seiner selbst. Und Manfred Grashof steht vor der Fassade jenes Hauses, von dem aus er für 15 Jahre in den Knast wanderte. Hier war die Wohnung, in der er eine Fälscherwerkstatt für Pässe betrieb, hier lauerte ihm und seinen Kumpanen die Polizei auf, schoss auf ihn, und er auf sie. Er traf tödlich, was vor Gericht als Mord galt. Grashof war Mitglied der RAF.

Vier Perspektiven, vier Schicksale, die prototypisch stehen für ein Jahrzehnt, das in der Bundesrepublik geprägt war von Aufbruch, Experiment und Innerlichkeit, von revolutionärem Pathos, terroristischer Gewalt und polizeistaatlicher Gegenwehr, die eine gesamte Studentengeneration kriminalisierte. Von letzterem allerdings ist nicht die Rede im ersten Part jenes seltsamen dreiteiligen Zyklus von „Road-Dokus“, der im je halbstündigen Sauseschritt drei deutsche Dekaden durchstreift. Kontert jetzt das ZDF den unsäglichen Ostalgie-Boom mit Westalgie? Oder ist es nun wirklich an der Zeit, nach endlosen Guido-Knopp-Nazi-Hitler-Filmen auch einmal die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als Historie zu begreifen, die der Aufarbeitung harrt? Produzent Friedrich Küppersbusch hat die Betrachtung deutscher Geschichte als „monolithischen Block aus Schuld und Schande“ ebenso satt wie den „Oberlippenbart“-Gestus der ernsten Dokumentarfilme. Er fühlt sich durchaus RTL zu Dank verpflichtet, sagt er, denn der Sender versuchte als erster, der Vergangenheit mal ein bisschen boulevardesk zuleibe zu rücken. Warum nicht endlich im Fernsehen den Weg jener Generation nachzeichnen, die als erste mit dem Fernsehen aufwuchs, von ihm geprägt und komplett dokumentiert ist? Und die nun unsere Gegenwart prägt in Gestalt von Politikern mit einschlägigem Lebensweg? Oder ist dafür die Zeit noch immer nicht reif – wie die Debatte über die geplante Berliner RAF-Ausstellung demonstriert? Küppersbusch verfolgt kein pädagogisches Konzept bei diesem bescheidenen Projekt, das vielleicht erst einen Anfang darstellt. Ihm geht es darum, dass das allmächtige Medium jenen Spruch der Nachwendezeit, man solle sich gegenseitig die Geschichten erzählen, nun auch in die Tat umsetzt. Und wie das mit dem Geschichenerzählen so ist: Die Vergangenheit vergoldet sich in der Rückschau, die Negativa rücken an den Rand des Blickfeldes.

Wahrhaft virtuos gelingt der Balanceakt zwischen heiter-liebevollem Boulevard und seriöser Dokumentation gerade noch im ersten, von Tom Theunissen gedrehten Teil, in dem sich die Zeitebenen gekonnt ineinanderschieben. In den zwei weiteren Folgen über die 80er und 90er Jahre dominiert die Pop- und Medienkultur (Thomas Gottschalk, Inga Humpe, Cindy & Bert mit Sohn Sascha, Cosma Shiva Hagen – ohne Mutter) so, als habe es nicht hinreichend politisch-gesellschaftliche Zwiespältigkeiten gegeben. Kein Wort von den mordenden Rechtsradikalen. Kaum eines über das bleierne Gefühl während der späten Kohl-Ära. Dann aber tritt der Schauspieler Bernd Michael Lade auf, ehemals Punk-Musiker in der DDR, den es nicht geben durfte. Ihn treibt noch in der Rückschau Schmerz, Wut und Verzweiflung um.

Dreimal eine halbe Stunde vergnüglich- leichter Geschichtsunterricht – es scheint doch ein Bedürfnis nach einer West-Nostalgie zu geben, obwohl sie nicht recht zu wissen scheint, ob und wohin sie sich zurücksehnen soll. „Das ist ein bisschen wie ein Klassentreffen“, sagt Friedrich Küppersbusch und weiß auch nicht, ob er es gut oder schlecht finden soll angesichts all der unsäglichen Insignien jener vergangenen, pseudoheroischen Zeit, als man noch jung und voller Zorn, Hoffnung und Illusionen über die Verbesserung der Welt war. Eine grau gewordene Generation schaut zurück auf sich selbst und versucht von dort aus, sich und die Gegenwart zu verstehen. Wenn Nostalgie überhaupt einen Sinn hat, dann diesen.

„Alles kommt wieder“: 22 Uhr 30, ZDF, Teil 2 am 28. August, Teil 3 am 2. September jeweils um 22 Uhr 45

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