Medien : Was nicht zusammengehört

Magazin zeigt leeren Rollstuhl als „Sitz des Bundespräsidenten“

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Das Ding wirkt wie ein Folterinstrument: Stahl, Gummi, Leder, der kalte Glanz der Technik. Auch wenn die Bühne ausgeschlagen ist mit weichem Stoff, das Licht goldenweich: An einen Herrscherthron hätte hier wohl niemand gedacht.

Das Bild des Rollstuhls (Foto: André Mühling), den das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ mit der Unterzeile „Der Sitz des Bundespräsidenten“ auf den Titel gehoben hat, wirkt zynisch; obwohl ihm eine souveräne Begegnung zugrunde liegt: die des „SZ“-Reporters Heribert Prantl mit Wolfgang Schäuble, der ihn, im Rollstuhl sitzend, begrüßte: „Herr Prantl, soll ich Ihnen meinen Platz anbieten?“

Die Auflösung im Heft, ein Bild Schäubles im Rollstuhl, ist denn auch kein Problem. Es ist jenes menschenleere Rollstuhlbild auf dem Cover, das verstört. Unwillkürlich kommen die Bilder amerikanischer Todeszellen in den Sinn, die Lucinda Devlin in den 90er-Jahren aufgenommen hat: elektrische Stühle, klinisch saubere, menschenleere Orte des Mordens. Auch der langjährige Benetton-Fotograf Oliviero Toscani hatte mit seinen lakonischen Fotos immer wieder verstört: eine blutbefleckte Kriegsuniform, ölverklebte Seevögel, der Stempel „HIV–positiv“ auf nackter Haut.

Der Grund der Aufregung: Toscani hat Dinge kombiniert, die nichts miteinander zu tun hatten – Katastrophenfotos und eine Modemarke. Das ist hier nicht viel anders. Was hat Schäubles Rollstuhl mit seiner Befähigung als Bundespräsident zu tun? Denkt man dann noch daran, dass der gegenwärtige Bundespräsident Johannes Rau auch nicht mehr der Jüngste ist, ist das Rollstuhlbild erst recht geschmacklos Christina Tilmann

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