Medien : Was passiert in meiner Straße?

derwesten.de – oder wie Regionalzeitungen ihre Internetportale ausbauen

Johannes Gernert

Eines wird die Plattform derwesten.de Eugen Russ und seinen „Vorarlberger Nachrichten“ voraushaben: das sogenannte Geo-Tagging. Auf dem Onlineportal, auf dem sich von der kommenden Woche an die Ruhrgebiets-Zeitungen des WAZ-Konzerns präsentieren, werden die Meldungen mit Ortsmarkierungen versehen sein. So können Nutzer von derwesten.de auf einer Karte betrachten, was in ihrer Umgebung gerade geschieht. „Da ist die WAZ schneller“, das muss Verleger Russ zugestehen, der immer wieder vorgemacht hat, was das Internet im Regionalen alles ermöglicht. Er hat als Erster Lokalredakteure mit Kameras losgeschickt, hat um seine „Vorarlberger Nachrichten“ herum diverse Homepages geschaffen. Nutzer chatten miteinander, bringen ihre Anliegen im Bürgerforum ein, wo die ebenfalls eingeloggten Lokalpolitiker gleich mitlesen.

Die Seiten von „Vorarlberg Online“ werden etwa 35 Millionen Mal im Monat aufgerufen. Die vier WAZ-Titel „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, „Neue Ruhr Zeitung“, „Westfalenpost“ und „Westfälische Rundschau“ erreichen bisher zusammen 39 Millionen Seitenklicks. Das zeigt nicht nur, wie erfolgreich Russ arbeitet, sondern auch, wie sehr der WAZ-Konzern seinen Onlineauftritt vernachlässigt hat. Der Vorarlberger Verleger will sich noch radikaler aufs Lokale konzentrieren. „Hyperlokal denken“, nennt er das. Berichtet wird aus jedem kleinsten Ort, am besten aus jeder Straße. „Wenn mein Nachbar sein Schwimmbad umbaut, dann möchte ich die Pläne dafür im Netz sehen.“

Ganz so weit will Katharina Borchert, die Chefin von derwesten.de, nicht gehen: „Wir werden nicht täglich über den Straßenbelag an jeder kleinen Kreuzung berichten.“ Auf derwesten.de werden Blogger aus der Region schreiben, auf einer Karte können angemeldete Nutzer nicht nur aktuelle Nachrichten verorten, sie sehen auch, welcher Nachbar gerade noch surft, welche Veranstaltungen in der Umgebung stattfinden und vielleicht sogar, welche Sonderangebote der Supermarkt gerade führt. Nicht nur die Klickzahlen, auch die Netz-Werbeeinnahmen möchte die Portal-Chefin deutlich steigern. Eigens dafür wurden acht Verkäufer eingestellt. Borchert setzt verstärkt auf Themen, für die in der gedruckten Zeitung kein Platz ist. Es gibt einen Redakteur, der nur über E-Sports berichtet, über professionelle Computerspiel-Ligen. Das soll zeitungsferne, junge Onlineleser anziehen. An dieser Zielgruppe sind alle Regionalzeitungen sehr interessiert, weshalb auf kaum einer Internetseiten die Feierbilder aus den örtlichen Discos fehlen. Die bringen Klicks.

„Es ist aber ein Fehler anzunehmen, dass nur Sex und Crime geht“, sagt Andreas Kemper, leitender Redakteur bei der „Main Post“ in Würzburg. Auf mainpost.de werden unter dem Motto „Mainfranken erotisch“ derzeit Nacktaufnahmen von Hobbyfotografen gesucht. Das sichert ordentliche Zugriffszahlen. Es werde aber auch Politisches geklickt, sagt Kemper. Kürzlich hatten sie einen Live-Ticker für eine CSU-Versammlung eingerichtet, bei der ein Ortsverband seinen neuen Bürgermeisterkandidaten nominierte. Erstaunlich viele Nutzer haben das verfolgt. „Wir schaffen da Öffentlichkeit, wo kein anderes Medium ist“, sagt Kemper. Egal ob es um Stadtrats- oder um Prunksitzungen geht. Von den bevorstehenden Faschingsfeiern werden Leserreporter massenweise Bilder und Videos liefern. „Man redet immer vom Bürgerreporter, der die Sensationen ausgräbt“, sagt Andreas Kemper, „aber vielleicht ist das gar nicht das Angesagte.“ Wie wichtig der Onlineauftritt ist, das wüssten heute fast alle Redakteure. Die Hälfte von ihnen kennt sich mit dem Content-Management-System aus, das Texte ins Netz überträgt.

Bei derwesten.de hat Borchert kurzerhand alle 900 Redakteure der beteiligten Zeitungstitel darin schulen lassen. Beim „Trierischen Volksfreund“ kann sogar jeder Reporter mit der Kamera umgehen, denn auf den Regionalportalen sind Videobeiträge zu Unfällen, Umgehungsstraßen, Messen oder Misswahlen gefragt. „Wir verstehen uns als multimediale Redaktion“, sagt Alexander Houben, der Chef vom Dienst. Seine Zeitung produziert seit einigen Wochen täglich volksfreund.tv, eine Art Lokal-Abendschau. „Saarbrücker Zeitung“, „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Westfälische Nachrichten“ haben ähnliche Formate. Es gehe darum, auf allen Kanälen präsent zu sein. „Wenn hier jemand neu auf den journalistischen Markt kommen möchte, dann sind wir überall schon da.“ Profitabel ist diese Mehrkanal-Unternehmung, wie auch die meisten Onlineaktivitäten anderer Regionalzeitungen, bislang nicht. „Damit irgendwann Geld zu verdienen, das ist die große Kunst“, sagt Houben.

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