Medien : Was tat IM „Florian Werfer“?

Der NDR will von der Birthler-Behörde vollständige Unterlagen im Fall Boßdorf

Barbara Nolte,Joachim Huber

Der NDR will nun doch den neuen Stasi- Vorwürfen gegen den ARD-Sportkoordinator und designierten NDR-Sportchef Hagen Boßdorf nachgehen. Dass der Sender am vergangenen Freitag sagte, die neuen Aktenfunde stellten Boßdorfs Wechsel zum NDR nicht in Frage, erklärte NDR-Sprecher Martin Gartzke gestern damit, dass dem Sender die Unterlagen der Birthler-Behörde offenbar nicht vollständig vorlägen. „In der ,Welt’ war der Entwurf einer Verpflichtungserklärung faksimiliert, die haben wir zum Beispiel nicht.“ Insgesamt habe der NDR am 26./27. Oktober von der Birthler-Behörde nur 36 Seiten zugeschickt bekommen, also nicht das ganze 80-Seiten-Dossier, aus dem Journalisten jetzt zitieren. In den dem NDR vorliegenden Unterlagen würden sich auch keine Hinweise darauf finden, dass Boßdorf als Agentenanwerber aufgebaut werden sollte.

Die Birthler-Behörde bestreitet, dass in der Kurzform entscheidende Informationen fehlen. Pressesprecher Christian Booß bekräftigte, was er bereits gestern im Tagesspiegel-Interview sagte: „Alle wesentlichen Erkenntnisse lagen dem NDR vor.“ Es sei sogar zusätzliches Material mit „mehreren Hinweisen auf inoffizielle Tätigkeit“ Boßdorfs dem NDR überlassen worden. Dass die Journalisten ein dickeres Aktenpaket haben als der NDR, erklärte Booß mit unterschiedlichen Rechtsvorschriften. Der NDR könne nur einen Überprüfungsantrag stellen, der von der Behörde zusammenfassend beantwortet werde. Medien dürften dagegen vollständige Akteneinsicht nehmen.

Nach Ansicht der Kurzform der neuen Dokumente über Boßdorf winkte der NDR-Verwaltungsrat am 28. Oktober Boßdorfs Vertrag durch, im März nächsten Jahres läuft er an. Jetzt will der Sender nacharbeiten. Gartzke sagte, der NDR werde nun die Übermittlung der vollständigen Unterlagen beantragen. „Sollten sich jetzt neue Sachverhalte ergeben, wird der NDR diese prüfen, so weit sie für das künftige Arbeitsverhältnis relevant sein sollten.“ Laut Gartzke bezögen sich die Anfragen aus der Politik und den Aufsichtsgremien des Senders darauf, ob Boßdorf nachweislich als IM tätig war: also ob es eine Verpflichtungserklärung von ihm gibt. Eine solche ist aber auch im ausführlichen Dossier nicht enthalten. Dafür allerdings Berichte, die IM „Florian Werfer“ – angeblich Boßdorfs Deckname – über Westbesucherinnen in der DDR verfasste. Werfer sollte sie im Auftrag der Stasi näher an die DDR binden, damit sie vielleicht einmal Agenten würden.

Den NDR hat also das Thema Stasi eingeholt, das er 1996 eigentlich abgeschlossen hatte. Damals waren 250 Mitarbeiter aus Mecklenburg-Vorpommern überprüft worden. „Wer IM war, hatte im redaktionellen Bereich praktisch keine Chance auf eine Festanstellung“, sagte Gerd Schneider, Chef des Landesfunkhauses in Schwerin, der damals die Überprüfungen verantwortete. „Das ist eine Glaubwürdigkeitsfrage.“ Eine IM-Tätigkeit galt als erwiesen, wenn sowohl eine Verpflichtungserklärung vorlag als auch eine in den Akten dokumentierte Zusammenarbeit mit der Stasi.

Beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) läuft nach Aussage von Sprecher Ulrich Anschütz die Überprüfung auf potenzielle Stasi-Tätigkeiten von Sendermitarbeitern noch. Betroffen von der Anfrage bei der Birthler-Behörde sind zunächst „alle festangestellten programmprägenden Mitarbeiter und Mitarbeiter in hierarchischen Positionen“, sagte Anschütz dem Tagesspiegel. Die Unterlagen der Birthler-Behörde seien vor rund zwei Wochen angekommen und würden jetzt von der dreiköpfigen Kommission geprüft. Die Kommission bestehe aus einem Mitarbeiter und einer Mitarbeiterin des RBB und werde von Superintendent Martin-Michael Passauer geleitet. „Gegebenenfalls wird die Kommission mit Betroffenen Gespräche führen und Intendantin Dagmar Reim Empfehlungen aussprechen“, so Anschütz weiter. Bei freien programmprägenden Mitarbeitern werde entsprechend verfahren. Bei diesen Mitarbeitern wurde nicht über den RBB bei der Birthler-Behörde um Auskünfte nachgefragt, sondern auf freiwilliger Basis der betreffenden Personen. Der Sender ist in diesen Fällen auf deren Auskünfte angewiesen, ob und welche Erkenntnisse seitens der Behörde vorliegen. „Allerdings“, sagte Anschütz, „wird der RBB bei diesen Mitarbeitern nachfragen“, schon um eine Gleichbehandlung mit den Festangestellten zu gewährleisten.

Beim Mitteldeutschen Rundfunk sind keine Überprüfungen anhängig. Sprecherin Birthe Gogarten sagte, „der Sender hat bereits Ende Oktober 2003 seinen Abschlussbericht vorgelegt“.

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