Medien : Was uns dumm macht

Aufklärung via Talkshow: Bei „Günther Jauch“ ist der Computer schuld, bei „Precht“ die Schule.

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Schul-Kritiker Gerald Hüther in der „Precht“-Premiere ab 23 Uhr 25 im ZDF interessierte 950 000 Zuschauer. Fotos: dpa/ZDF
Schul-Kritiker Gerald Hüther in der „Precht“-Premiere ab 23 Uhr 25 im ZDF interessierte 950 000 Zuschauer. Fotos: dpa/ZDFFoto: Cristian Pirjol

Gleich zwei Hirnforscher als Stargäste in zwei Talkshows am selben Abend, Manfred Spitzer bei Jauch in der ARD und Gerald Hüther bei Precht im ZDF – wobei „Precht“ keine Talkshow sein will, sondern ein Gespräch unter Wissenden. Der zu diskutierende Sachverhalt indessen war im Ersten und Zweiten der gleiche: Wir verdummen. Daran sind, wie Spitzer meint, die Computer schuld, die uns das Denken abnehmen. Und dann ist da noch unser Schulsystem, das, wie Hüther sagt, total antiquiert ist und aus neugierigen Kindern angepasste Blödlinge macht. Keine guten Aussichten.

Bei Jauch immerhin stieß die triste Diagnose auf lebhaften Widerspruch. Ranga Yogeshwar verteidigte den Computer als „toll“ und sah das Problem lernschwacher Kinder eher bei Eltern, die sich nicht kümmern. Klaus Peter Jantke pries die kommunikativen Funktionen der digitalen Welt, Pessimist Spitzer kriegte ordentlich Contra. Und Jauch half der Debatte mit Einspielern über den Wiederholungszwang der Fortschrittskritik, der bei jeder epochalen Erfindung Urständ feiert. So wurde das Auto als Irrläufer verschrien, Kaiser Wilhelm glaubte ans Pferd. Aber Spitzer hatte so seine Studien und Zahlen parat, und man fürchtete mit ihm, dass gegoogeltes Wissen nicht so lange vorhält wie selbst exzerpiertes. Aber auch das ist wohl nur eine Frage des Wie. Man kann beim Copy-and-paste den Inhalt auch laut vorlesen, das dürfte helfen. Am Schluss gewann die PC-Fraktion nach Punkten. Ein Schulleiter, der das „Ende der Kreidezeit“ eingeläutet und die Schiefertafel durch ein riesiges Smartboard ersetzt hat, erhielt donnernden Applaus.

Bei Precht aber gewann die Skepsis – ihre Vertreter waren ja unter sich. Hier ging es weniger um Rechner als um die Schule und die Art, wie sie Kindern die Lernlust vergällt. Was da vorgetragen wurde an kritischer Bestandsaufnahme, dem konnte die Zuschauerin nur zustimmen – das Wie aber erregte Anstoß. Da saßen zwei kluge Herren und redeten über schulisch erzeugte Dummheit, als läsen sie abwechselnd einen vorher vereinbarten Text. Dass da an keine Kontroverse gedacht war, sondern dass der eine die Gedanken des anderen aufnehmen und weiterspinnen sollte, war als dramaturgisches Konzept schnell klar. Aber warum musste das in einem derart feierlich-pastoralen Ton geschehen, vor allem aufseiten unseres Lehrers Dr. Precht, warum mussten die beiden Gesprächspartner in einer Art „black box“ unter einem kreisenden Lampenkranz sehr nah beieinanderhocken, als sprächen sie hier nicht öffentlich, sondern als zwei Logenbrüder insgeheim zueinander?

Beide, Precht wie Hüther, hätten ihre jeweilige Suada auch solo halten können, das wäre besser gewesen, denn es hätte den sehr unangenehmen Eindruck einer Verschwörung Besserwissender eliminiert. Natürlich ist es in Ordnung, wenn sich im Fernsehen zwei Leute unterhalten, die die Dinge ähnlich sehen. Aber es geht eben im Fernsehen nie in erster Linie um Inhalte, sondern um die Spannung zwischen den Personen, die non-verbalen Botschaften, die Mimesis, die Körpersprache. Das sind die Inhalte des Fernsehens. Die Anmutung von „Precht“ war – gelinde gesagt – seltsam. Steif und belehrend. Ganz so wie die beiden die Schule erlebten und – mit Recht! – zum Teufel gewünscht haben.

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