Medien : WDR sperrt „Schimanski“

Nach „Tatort“-Schleichwerbung werden alle Colonia-Produktionen überprüft

Kurt Sagatz

Die Affäre um Schleichwerbung bei der ARD wird sich nun auch auf das Fernsehprogramm auswirken. Nachdem die Innenrevision des WDR bei zwei „Tatorten“ aus Münster den Verdacht auf illegales Product Placement bestätigt hat, entschied der Kölner ARD-Sender am Dienstag , auch alle weiteren Produktionen von Colonia Media, die für den WDR ab 1994 produziert wurden, einer genauen Prüfung zu unterziehen und bis zu deren Abschluss nicht mehr auszustrahlen. Von dieser Sperre sind neben 38 „Tatort“-Folgen auch die Reihen „Der Fahnder“ (13 Folgen) sowie alle 13 „Schimanski“-Krimis mit Götz George in der Hauptrolle betroffen. Die Filme werden in der Reihenfolge der anstehenden Ausstrahlung geprüft, sagte WDR-Sprecher Rüdiger Oppers dem Tagesspiegel. Sollte ein Produkt „unziemlich ins Bild gerückt“ worden sein, wird der Film zur Nachbearbeitung geschickt. „Wir behalten uns vor, den Produzenten dafür in Regress zu nehmen“, sagte Oppers. Auch andere ARD-Sender wollen jetzt Sendungen überprüfen.

Gegen Frank Döhmann, den ehemaligen kaufmännischen Geschäftsführer von Colonia Media, der die Schleichwerbung über ein ihm mehrheitlich gehörendes Unternehmen abgewickelt haben soll, wurde vom WDR Strafanzeige wegen Betrugs und Untreue gestellt.

Die vom WDR eingeleitete Sonderprüfung für den Zeitraum 2002 bis 2005 hat ergeben, dass es in den beiden Münsteraner Tatorten „Der dunkle Fleck“ (Oktober 2002) und „Fakten, Fakten“ (Dezember 2002) Product Placement gegen Entgelt gegeben hat. Dem WDR zufolge hat es sich dabei um Zahlungen der Landesbausparkasse LBS und der Versicherung LVM gehandelt. Zudem wurde in der Folge „Der dunkle Fleck“ eine Produktplatzierung von Weizenbier vorgenommen. Bei zwei weiteren „Tatorten“ hat Colonia Media, eine hundertprozentige Tochter der Bavaria, finanzielle Zuwendungen von Dritten eingestanden. In den Produktionen sind der WDR-Innenrevision aber keine auffälligen Produktpräsentationen aufgefallen.

Nach bisherigen Erkenntnissen wurden die Geschäfte über die Firma „7- Tage-Film“ abgewickelt, deren Hauptanteilseigner „jedenfalls bis Ende 2004“ Döhmann gewesen sei.Colonia Media ist durch das Product Placement jedoch kein Vorteil entstanden, heißt es weiter in einer WDR-Mitteilung. Im Gegenteil: Die Zahlungen an Döhmanns Firma überstiegen die Erlöse um 109 000. Döhmann, der laut WDR zu den Vorwürfen bislang keine Stellung nahm, war letzte Woche von seinem letzten Arbeitgeber Studio Hamburg fristlos gekündigt worden.

Zu den Sendern, die nach der Schleichwerbeaffäre ihre Sendungen überprüfen wollen, gehört auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). „Wir werden bereits ausgestrahlte und aktuelle Sendungen über die normalen Abnahmen hinaus sichten“, sagte Sprecher Ulrich Anschütz am Dienstag. Bisher habe es keine Hinweise auf Product Placement gegeben, auch nicht bei dem am Sonntag (ARD) gesendeten „Polizeiruf 110“, zu dem es nach der Ausstrahlung Anfragen gab.

Nach kritischen Äußerungen aus Bayern zum Verhalten von ARD-Programmdirektor Günter Struve in der anhaltenden Affäre um Schleichwerbung bei der öffentlich-rechtlichen Senderfamilie droht nun zusätzlich ein politischer Schlagabtausch. SWR-Intendant Peter Voß hat am Dienstag Forderungen des bayerischen Staatsministers Erwin Huber scharf zurückgewiesen. Huber hatte verlangt, im Urlaub befindliche ARD-Intendanten müssten zurückkehren, um die Vorgänge um die Schleichwerbung bei der Bavaria Film („Marienhof“) aufzuklären. Voß warf Huber sowie der bayerischen Staatsregierung „Heuchelei“ vor, da München bei der Bereinigung des Skandals „bisher keine besonders hilfreiche Rolle gespielt“ habe. Vor allem die landeseigene bayerische Bank habe verhindert, dass „von vornherein mit der gebotenen Eindeutigkeit alle notwendigen personellen Konsequenzen gezogen wurden“, sagte Voß zu epd. Erst nach zwei Bauernopfern wurde Ex-Bavaria-Chef Thilo Kleine in der vergangenen Woche fristlos gekündigt.

SWR-Intendant Voß verband seine Kritik mit der indirekten Drohung, dass sich sein Sender aus dem Bavaria-Gesellschafterkreis zurückziehen könnte. Mit einem Umsatzvolumen von zuletzt 255,5 Millionen Euro gehört Bavaria-Film mit Sitz in München zu den größten Filmproduktionsfirmen Europas. Äußerungen wie die von Huber bestärkten ihn in seiner Skepsis, „ob sich der SWR auf Dauer am richtigen Standort und bei der richten Firma engagiere“, sagte Voß. Der SWR hält 16,67 Prozent der Anteile. Auch der mit 33,35 Prozent größte Anteilseigener, der WDR, hatte sein Bavaria-Engagement indirekt in Frage gestellt. Es sei eine Lehre der Affäre, alle Beteiligungen auf den Prüfstand zu stellen, hieß es am Montag aus Köln.

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