Web 2.0 : „Blogger sind keine Affen“

Facebook, You Tube und die Anderen: Internetexperte Andrew Keen spricht über Geschäftsmodelle, Qualität im Netz und stellt sein provokantes Buch zum Web 2.0 vor.

Internet
Was tut sich im Netz? -Foto: ddp

Microsoft kauft 1,6 Prozent an der Internetseite Facebook für 240 Millionen Dollar. Was halten Sie davon?

Facebook wäre entsprechend 15 Milliarden Dollar wert. Für ein Unternehmen, das kein schlüssiges Geschäftsmodell hat, eine Menge Geld. Es ist Las Vegas, verrückt. Die Leute glauben, Facebook sei das nächste Google, aber in einem Jahr wird diesen Leuten Facebook sehr peinlich sein.

In Ihrem Buch schreiben Sie, Facebook, Wikipedia, You Tube und Co. seien gefährlich für unsere Gesellschaft.

Das Web 2.0 schafft die Wächterfunktion der Medien ab und die Erwachsenen, die diese Funktion traditionell einnahmen, gleich mit. Ich meine Redakteure, die bestimmen, ob Artikel glaubhaft, korrekt und verlässlich sind. Nun haben wir es mit einer Kakophonie von Inhalten zu tun, die von den Nutzern selbst erstellt werden. Die sind nicht ausgewählt, nicht qualifiziert und werden nicht auf ihre Korrektheit überprüft.

Können die Nutzer nicht selbst zwischen qualitativ guten und schlechten Inhalten unterscheiden?

Nein, das glaube ich nicht. Es gibt eine digitale Intelligentia, die mit der Zeitung aufwuchs und nun in der digitalen Welt zu Hause ist. Die kann diese Unterscheidung treffen. Aber die You-Tube-Generation, die Kids, die können das in der Regel nicht. Diese Kinder lesen keine Zeitung, das sind Medien-Analphabeten.

Sie prangern den „Kult um den Amateur“ an. Was ist falsch an Amateuren?

Ich hätte mein Buch auch den „Kult um das Kind“ nennen können. Ich meine damit die ganze Idee, dass Kinder uns etwas über die neuen Medien beibringen können, das wir Erwachsenen nicht verstehen. Ich werde oft als alter Sack bezeichnet, der es einfach nicht kapiert. Aber ich kapiere es sehr wohl. Ich mag das Internet, seine Energie, Innovationskraft und Respektlosigkeit. Aber ich darf doch wohl kritisch sein.

In Ihrem Buch vergleichen Sie Blogger schon mal mit Affen.

Mir ging es nicht um Fairness und Ausgewogenheit. Das Buch soll wie eine Granate wirken, eine Wirkung und eine Reaktion hervorrufen. Natürlich glaube ich nicht wirklich, dass Blogger Affen sind. Ich erkenne an, dass von 70 Millionen Bloggern ein paar Tausend wirklich etwas zu sagen haben, diese Meinung aber aus welchen Gründen auch immer nicht über herkömmliche Medien verbreiten. Es ist dieser Punkt, der mich wütender macht als all der Müll, der in Blogs steht. Die Blogger geben ihre guten Inhalte umsonst ab. Die Blogosphäre ist ökonomisch gesehen kein Ort, an dem man überleben und eine Karriere starten kann.

In Deutschland gibt es Blogger, die eine Karriere bei Zeitungen gemacht haben.

Ich weiß, dass es Beispiele gibt, die mein Argument widerlegen. Aber die große Mehrheit der Blogger verdient kein Geld.

Vielleicht wollen die gar kein Geld verdienen?

Viele wollen das. Ich stelle nur fest, dass die Aufmerksamkeit der Internetnutzer sich nicht in Einnahmen niederschlägt. Das ist eines der Hauptprobleme im Internet. Ein weiteres Problem: Die Blogosphäre ist kein besonders effektives Medium, um qualitativ hochwertige Inhalte hervorzubringen oder neue Talente zu fördern.

Die viel zitierte „Weisheit der Masse“ ist Unsinn?

Wir sitzen hier mitten in Berlin am Potsdamer Platz, da könnte man alle möglichen Bemerkungen über die Weisheit der Masse in der Geschichte machen. Ich glaube nicht an dieses Konzept. Wir wissen nicht, wer diese Masse im Internet sein soll. Nehmen Sie Wikipedia, das die Masse repräsentieren soll, tatsächlich aber von einer kleinen Minderheit gesteuert wird.

Was wäre ein Ausweg?

Rückkehr zum Sachverstand. Wir müssen den Versuchungen des Web 2.0 widerstehen und einen Weg zum Web 3.0 finden, das die Technologie in verantwortungsvoller Weise nutzt. Dann werden die Menschen wieder den Wert von Inhalten schätzen, die von anderen Menschen gepflegt werden. Die Leute bezahlen für solche Inhalte oder Werbekunden investieren in solche Modelle. Ein Beispiel ist die Suchmaschine „Mahalo.com“ meines Freundes Jason Calacanis.

Sie sprechen über ein Web 2.0 mit einem Geschäftsmodell?

Web 3.0 ist das Web 2.0 mit den Erwachsenen zurück in der Verantwortung.

Das Gespräch führte Christian Meier

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben