Medien : Weib ohne Erlösung

Barbara Sichtermann

Die fremde Frau. ZDF. Das Kino darf das und auch der Fernsehfilm: mit Mystifikationen arbeiten, die den Zuschauer total verwirren. Allerdings sind sie verpflichtet, irgendwann und nicht zu spät ein paar Spuren zu legen, die Rückschlüsse auf mögliche Lösungen erlauben. Das Publikum liebt den Schleier des Geheimnisses, aber es besteht auch auf Lüftung.

Solche einfachen Grundsätze glaubten Autor Thomas Schwank und Regisseur Matthias Glasner bei ihrem Werk „Die fremde Frau“ ignorieren zu dürfen. Es beginnt mit der kinomäßigsten Mystifikation überhaupt: Ein herrliches Weib (Corinna Harfouch), das niemand kennt und das alle betört, erscheint auf der Bildfläche und wirft die bürgerliche Ordnung über den Haufen. Die Frauen fürchten sie, die männliche Hauptfigur, Sohn und Erbe einer Juwelierdynastie (Ulrich Tukur), verfällt ihr. Aber sie will nicht nur ihre Reize spielen lassen, es steckt mehr dahinter. Die schöne Helen ist eine Sendbotin der Vergangenheit, in der etwas geschah, was nicht hätte geschehen dürfen, und die jetzt Aufklärung bringt und Rache nimmt.

Fasziniert starrt der Zuschauer auf die gediegene Wohnkultur der Hamburger Society, auf die Schneiderkostüme der Frauen, auf ihre Hüte und Handschuhe, auf die schimmernde Hemdbrust des Juweliers. Dies alles verströmt das Odeur der 50er Jahre, ein Hauch von „Vertigo“ weht durch die Szene. Aber wo Hitchcock weder explizite Hinweise noch klare (wenn auch oft unwahrscheinliche) Lösungen schuldig blieb, begnügen sich Schwank und Glasner mit vagen Andeutungen und komplett unglaubwürdigen Hintergründen. Oder wie sollte man jenes kurz nur gezeigte Krankenhausfoto interpretieren? Eine Geschlechtsumwandlung? Die Helen war vorher ein Kerl? Was hinter allem steckte, war dann etwas so Triviales wie eine Säuglingsvertauschung, die zur tragischen Verstrickung hochzustilisieren (es gab immerhin drei Tote) von einem beschämenden Verlust des Sinns für Proportionen zeugt.

Die Kostbarkeit der Farben, der Bildkompositionen, der Interieurs, der Juwelen und der Kunst großer TV-Stars sollte wohl damit aussöhnen, dass hier die Mystifikation um ihrer selbst willen gefeiert wurde. Das funktionierte nicht. Wenn die Geschichte nicht stimmt und ihre Verrätselung Selbstzweck wird, verwandeln sich die erhabensten Kunstmittel in pure Effekthascherei.

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