Medien : Weißes Rauschen

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Joachim Huber lauscht dem Kulturkampf im Berliner Hörfunk

Gemeinsam zu sterben ist auch keine Lösung. Die Hörer von Radio Kultur sind im Schnitt 63 Jahre alt. Von Jahr zu Jahr sinkt die Hörerquote, das Durchschnittsalter steigt. An einem normalen Sendetag nutzen 26 000 Menschen das teuerste Radioprogramm des RBB. Das ist gerademal ein Prozent der Hörer. Bei Radio 3, der LightVersion von Radio Kultur, dasselbe Desaster. Es gibt Sendungen, da lassen sich selbst mit dem feinsten Seismografen keine Hörerbewegungen feststellen, und es gibt Mitarbeiter, denen ist das herzlich egal. Weil: Einer kennt immer einen Hörer, und der kennt einen, der in der Kultur arbeitet und sich für das Kulturradio einsetzt. Damit sind drei zufrieden: der Mitarbeiter, der Hörer, der Lobbyist. Man hat einander versprochen, gemeinsam alt zu werden.

Nun wird, im Angesicht der schwersten Krise, seit es Kulturradio in dieser Kulturregion gibt, zum 1. Dezember eine Reform ins Werk gesetzt. Aus Radio Kultur und Radio 3 wird ein Programm, das von sechs Uhr morgens bis 18 Uhr abends ein „Tagesbegleitprogramm“ sein soll. Die Traditionalisten schäumen: Hier wird Kultur geschreddert und als kleinste Münze wieder herausgegeben. Die andere Kulturradio-Schule will den Hörer immer da erwischen, wo er gerade sitzt und dem Programm für nur drei Minuten das Ohr zu leihen bereit ist. Der Kulturkampf tobt, die schwere Sättigungsbeilage kämpft gegen das nährwertfreie Junk-Food.

An die Kombattanten gerichtet: Dass das Kulturradio so massiv an Hörern verloren hat, kann diesen nicht vorgeworfen werden. Sie haben gehört und dann aufgehört zu hören. Sie sind nicht aus der Kultur ausgetreten, sondern aus dem Kulturradio. An dem, was sie als Kultur begreifen, haben sie ihr Interesse keinesfalls verloren. Der erweiterte Kulturmensch und das verengte Kulturradio passen nicht mehr zusammen. Geschwindigkeit gegen Zeitlupe, Aktualität gegen Zeitverschiebung. Unter der Hand hat sich längst ein neues Kulturradio herausgebildet – das Inforadio, schnell in der Kritik, aktuell beim Kultur-Service, fern der bleischweren „Meine verehrten Damen und Herren“-Anrede.

Das Inforadio mit Kultur existiert, nicht aber ein Inforadio für Kultur. Eines, das dem Hörer die tagesaktuellen Fragen beantwortet, das die Geschwindigkeit und die Wagnisse dieser Kulturstadt zu seinem Programm macht. Das lebt und bebt, schwärmt und krisitiert – und die Hörer wieder zurückholt. Und dabei bitte nicht dauernd auf die Format-Uhr starrt: Der neue Botho-StraußRoman geht für den einen Hörer in 90 Sekunden (vielleicht tagsüber?) und für den nächsten in 30 Minuten (vielleicht abends?). Was aber für beide nicht geht: kurze Texte und lange Beiträge, die nichts von dem Angezündet-Sein des Autors mitteilen. Wenn es stimmt, dass es ein Leben vor dem Tod gibt, dann stimmt es auch, dass es ein Kulturradio vor dem Ausschalten gibt.

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