Medien : Weißt du noch?

Kabel 1 lässt seine Zuschauer in Kindheitserinnerungen schwelgen. Ab heute zeigt der Sender wieder „Die Waltons“

Andreas Koetter

„Gute Nacht, John Boy!“, „Gute Nacht, Elizabeth“, „Gute Nacht, Ma!“, „Gute Nacht, Kinder!“ An dieses Ritual zu erinnern reicht schon, und jeder weiß, worum es geht: Um die „Waltons“, jene elfköpfige Großfamilie, die sich frei nach dem Motto „Arm, aber glücklich“ durch die Depressionsjahre schlug. Kabel 1, der Sender für Cowboys, Piraten, Flaschengeister und andere Helden aus der Kindheit aller heute über Dreißigjährigen, macht es möglich und zeigt sie von heute an wieder – die US-Familien-Serie „Die Waltons“, die sich in den 70er und frühen 80er Jahren neun Spielzeiten lang in unser kollektives Gedächtnis einfräste. Zu sehen sind 219 Episoden der Serie, davon 22 erstmals im deutschen Free-TV, und damit mit einer Ausnahme alle jemals gedrehten Folgen.

„Die Waltons“ passen genau ins Anforderungsprofil des Senders, so wie „Bonanza“ oder „Dallas“, allesamt Serien, denen Kabel 1 den schönen und selbstbewussten Namen „Die Originale“ gegeben hat. Eine Marke, mit der der Sender gute Quote macht, gerade auf den Programmplätzen, die von der Konkurrenz stiefmütterlich behandelt werden. So ist der Samstagmorgen seit längerem für den Wilden Westen reserviert. Waren es in der Vergangenheit „Die Leute von der Shiloh Ranch“ oder auch der junge Clint Eastwood mit „Tausend Meilen Staub“, mit deren Hilfe sich der Münchner Sender ein Stammpublikum heranzog, sind es heute „Rauchende Colts“ und vor allem „Bonanza“, die schon den Beginn des Wochenendes zum Hochamt machen.

Berufstätige sind auf den Videorekorder angewiesen, wenn sie die „Waltons“ wiedersehen wollen, denn die Sendung läuft werktäglich um 13 Uhr 20. Kabel 1-Sprecherin Petra Fink sagt, für ihren Sender sei „ jeder Sendeplatz wichtig, schließlich setzt sich der Marktanteil aus dem gesamten Tag zusammen und nicht nur aus der Primetime“. Auch bei den auf den ersten Blick weniger attraktiven Sendeplätzen am Vormittag will Kabel 1 punkten. „Bonanza“ zum Beispiel läuft zu einem Zeitpunkt, an dem man glauben könnte, dass viele Familien gerade ihre Wochenendeinkäufe erledigen. Doch „mit sechs Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen sind wir hochzufrieden“, sagt Fink. Ähnlich sieht es bei „Unsere kleine Farm“ aus. Die Serie, die 2003 „wie geschnitten Brot lief und im Schnitt sieben Prozent Marktanteil hatte“.

Wie aber entscheidet der Sender, welche Serien auch heute noch ein Erfolg sein könnten? „Das Augenmerk gilt in erster Linie Programmen, die bei unserer Kernzielgruppe, also 30 plus, schöne Erinnerungen weckt. Mit einem Wort: die Lieblingsprogramme der Zuschauer,“ sagt Petra Fink. Dabei wird weniger auf die Quoten der Vergangenheit geschaut. Die Daten haben oft kaum Aussagekraft, schließlich liefen die Serien zu einem großen Teil damals, als es das duale System – öffentlich-rechtliche Sender hier, private dort – noch gar nicht gab. Entscheidend ist, dass die Serien den Menschen noch „ein Begriff sind“, sagt Fink. Die Titelmelodie von „Dallas“, der Name Hoss Cartwright, das Gute-Nacht-Ritual der Waltons – allein das reicht, um unterschiedlichste Menschen einer Generation zum gemeinsamen Schwelgen in Erinnerungen zu animieren.

Und genau davon lebt Kabel 1. Repräsentative Umfragen kann sich der Sender jedenfalls sparen, gilt doch die ungewöhnlich enge Zuschauerbindung als Gradmesser dafür, was ein erfolgreiches Programm sein könnte und was nicht. „Wir bekommen sehr viele Anrufe und Zuschriften, per Fax oder per E-Mail, in denen die Zuschauer bitten, zum Beispiel ,Die Straßen von San Francisco’ oder auch einen bestimmten Spielfilm zu zeigen“, erzählt Fink. „Für uns ist diese Anteilnahme an der Programmgestaltung sehr wichtig, weil sie zeigt, dass Kabel 1 tatsächlich als der Sender verstanden wird, der die Lieblingsprogramme wieder auf den Bildschirm bringt.“ Und so verspricht Fink für dieses Jahr die bizarre Militär-Parodie „M.A.S.H.“, die so sehnlich herbeigewünschte Serie „Die Straßen von San Francisco“ und die Agentenparodie „Mini-Max“. Die vehement geforderte Anwaltsserie „Petrocelli“ ist gerade kürzlich wieder gestartet.

Natürlich ist und bleibt auch Kabel 1 ein privater Sender, der in erster Linie Geld mit Werbung verdienen will und muss. Ein Sender auch, der den vollmundig beworbenen Serien-Klassikern „Die Originale“ den Abspann abschneidet und „Die besten Filme aller Zeiten“ nicht ungeschoren davon kommen lässt. Und doch stimmt es vielleicht tatsächlich, dass die Macher bei Kabel 1 ihre Arbeit nicht ausschließlich als Job verstehen, sondern Spaß haben an dem Material, mit dem sie arbeiten. Ohne Frage ist es jedenfalls leichter, selbst die 13. Wiederaufführung von „Bonanza“ zu vertreten, als woanders ein Format wie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ (RTL).

Kabel 1 sollte auf der Hut sein. Sprecherin Petra Fink kündigt an, dass Kabel 1 mit der TV-Produktionsfirma Endemol („Big Brother“) jetzt das Show-Format „Judas Game“ produziert: Sechs Leute belauern sich in einem Studio vier Stunden lang, mit dem Ziel, 40 000 Euro mit nach Hause zu nehmen. Mindestens einer von ihnen ist „ein Judas“. Mit den wunderbaren „Waltons“ im Programm dürfte sich das kaum vertragen.

„Die Waltons“, ab heute immer werktags um 13 Uhr 20 bei Kabel 1

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