Medien : Welche Wunde darf’s denn heute sein?

Spitze in Europa: Der Berliner Familienbetrieb Kryolan produziert Make-up für Theater, Film und Fernsehen

Heiko Dilk

Der Mann, der plötzlich im Türrahmen auftaucht, sieht schrecklich aus. Seine linke Gesichtshälfte ist eine einzige klaffende, halb verschorfte, halb eitrige Wunde. Aber der Mann fühlt sich gut – die Wunde ist gar nicht echt, sondern stammt von einem Maskenbildner. Wir befinden uns nämlich bei der Berliner Firma Kryolan, dem größten Hersteller von Make-up für Theater, Film und Fernsehen in Europa. Und der Mann ist auch nur deshalb verunstaltet, weil ein Fernsehteam des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) sowie ein Reporter und ein Fotograf des Tagesspiegel darüber berichten wollen. Bei dieser Recherche wollen und müssen alle Blut sehen.

Eigentlich aber führt das Blut in die Irre. Genau sowie es einen falschen Eindruck erweckt, wenn man vom „Planeten der Affen“ erzählt. Dort stammte das Material für die Masken von Kryolan. Auch aus Schusswunden im „Tatort“ oder in Serien wie „Balko“ oder bei „Medicopter 117“ fließt Kryolan-Blut. Darüber hinaus stellt die Firma Produkte her, mit denen man die Haut künstlich altern lassen kann, oder Narbenspray. Alles schöne Geschichten. Die haben was von Geisterbahn, Zaubershow und Hollywood.

Arnold Langer, Seniorchef und Firmengründer von Kryolan, hat nichts von alledem. Er ist studierter Chemiker, 82 Jahre alt und trägt – obwohl er nur noch selten im Labor ist – einen weißen Laborkittel. Er sieht nicht aus wie ein Filmfreak, der nach Blut lechzt. In seinem Büro liegen nur deswegen Plakate von „Der Name der Rose“, „Luther“ und vom Stalingrad-Film „Duell“, weil der RBB die filmen will. Als der Mitarbeiter mit dem blutigen Gesicht reinschaut, sagt Langer: „Das finden die vom Fernsehen hübsch. Die Wunde soll schrecklich sein. Eiter oder Erbrochenes wollen auch alle sehen.“

Den eigentlichen Umsatz macht die Firma aber mit professionellem Film- und Theater-Make-up. Für die ganz normalen Schminkarbeiten und auch für die Wunden. Denn ungeschminktes Filmblut sieht auch nur aus wie rote Flüssigkeit. Und eine Narbe wird erst realistisch, wenn sie gut geschminkt ist. Genau wie Affenmasken. Da Filmstars außerdem nicht zwingend einen perfekten Teint haben, müssen sie geschminkt werden, um so gut auszusehen, wie Filmstars im fertigen Film dann aussehen. Kryolans Bestseller hört auf den unspektakulären Namen „Aquacolor“.

Den hat Arnold Langer selbst entwickelt, genau wie 80 Prozent der anderen Produkte, die Kryolan in 60 Länder auf der ganzen Welt verkauft. Mit seinem Sohn Wolfram führt er den Betrieb. Der Junior ist gerade auf Geschäftsreise: in Australien, Neuseeland, Singapur, Mexiko und in den USA.

Langer erzählt gerne. Über die Firmengeschichte, über Firmenphilosophie oder über Kündigungsschutz. Während er das tut, klingelt mehrmals das Telefon. Da will jemand Konditionen aushandeln. Wenn viel „Aquacolor“ dabei sei, seien drei Prozent drin, sagt Langer ins Telefon. Bei „Supracolor“ oder „Dermacolor“ fünf Prozent. Dann kommt ein Mann mit blauer Latzhose und bestellt 20 Kilo „Blue-Red MP 176“ und zehn Kilo „KSG 16 Gel, S-Black“ für die Produktion. Das ist das tägliche Geschäft von Kryolan, und es ist nicht aufregender als bei anderen kaufmännischen Unternehmen.

Langers Traum

Doch die Geschichte von Kryolan ist auch eine Aufstiegsgeschichte. So wie sie in dem kleinen Heftchen zum 50-jährigen Jubiläum der Firmengründung von Heinz Krause und Arnold Langer erzählt wird, das Langers Sohn Wolfram 1995 hat drucken lassen: „Es war sein Traum. Es war seine Idee. Er ergriff die Initiative: Arnold Langer.“ Etwas pathetisch vielleicht, aber immerhin ist der Familienbetrieb mit 200 Mitarbeitern inzwischen ein Global Player. Es gibt Niederlassungen in Stettin, London, San Francisco und in Dhaka in Bangladesch. „Seit 1950 haben wir niemanden wegen zu wenig Arbeit entlassen müssen“, sagt Langer.

Irgendwann muss der Senior dann weg, weil das RBB-Team den Kryolan-Mitarbeiter mit der Kopfwunde abfilmen will, und arbeiten muss Langer auch. Jutta Löffler übernimmt. Sie berät eigentlich im hauseigenen Shop die Kunden, nimmt sich aber Zeit für den Firmen-Rundgang. So läuft man dann durch die gar nicht mal so großen Produktionshallen, in denen eine Menge Plastiktöpfe in Regalen rumstehen. Da sind Pigmente drin, Wachse, Glycerin, Vitamin F und andere Rohstoffe. Es gibt Walzmaschinen und Edelstahltonnen mit Make-up in verschiedenen Farben. Unterwegs erfährt man, dass Rot-Töne wegen der harten Pigmente besonders oft gewalzt werden müssen und dass man eine Glatze reißen muss (nie schneiden!), damit man den Ansatz nicht sieht.

Von der Produktion geht es ins Labor, wo Produktionsleiter Yousef Atapour dazukommt. Der Lebensmittelchemiker ist seit 15 Jahren im Betrieb und für die Neuentwicklungen zuständig. Im Schnitt fällt eine pro Woche an. So hat er zum Beispiel das Eis auf der Haut der durchgefrorenen Soldaten im Stalingrad-Film „Duell“ gemacht. Jede Film- und Bühnenproduktion hat eben eigene Ansprüche. Und Kryolan versucht, alles möglich zu machen, wie Atapour sagt. Auch für ganz kleine Theater oder Privatkunden. Man könne sogar seinen Lieblingslippenstift bei Kryolan in Auftrag geben.

Das erfahren wir, als wir im firmeneigenen Shop sind, der aussieht wie eine Mischung aus Apotheke und Kosmetikgeschäft. Atapour und Löffler stehen mit blutigen Händen hinterm Tresen. Löfflers Blut stammt aus einem kleinen Tiegel und sieht aus wie eine Schürfwunde. Atapour hat Blutpuder auf dem Handrücken. Das sieht man aber erst, als er etwas Wasser darauftröpfelt. So simuliert man Schnittwunden: Puder auf den Hals, eine nasse Klinge darangedrückt, und das Filmblut fließt.

Womit diese Geschichte wieder beim Blut angekommen ist. Und eigentlich wäre sie hier zu Ende – wenn Löffler nicht einen Ordner mit Vorher-nachher-Bildern herausgeholt hätte. Darauf sieht man Menschen mit Narben, Muttermalen oder schweren Verbrennungen. Das sind die Vorher-Bilder. Auf den Nachher-Fotos sieht man dieselben Leute ohne die Wunden. Da haben sie so genanntes Camouflage-Make-up aufgetragen, das eigentlich Schauspielern den perfekten Teint verschaffen soll.

Noch spektakulärer ist aber dies: In einem Buch über Maskenbildnerei ist ein Mann zu sehen, der keine Nase hat. Das heißt, er hat eine im Gesicht, aber die ist nicht echt. Sie besteht aus Material von Kryolan und wurde von einem Maskenbildner gemacht. Der Mann sieht mit der künstlichen Nase zwar nicht aus wie ein Filmstar, aber immerhin so, dass er unter Leute gehen kann, ohne angestarrt zu werden, als wäre er eine Kreatur aus einem Horrorfilm.

Auch das ist eine Geschichte, die sich mit dem Weddinger Familienbetrieb Kryolan verbindet.

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