Medien : Welcome Lenin!

Nach dem Kinoerfolg kommt der Fernsehboom. Die Filme setzen auf das kleine Einzelschicksal vor der großen DDR-Kulisse

Joachim Huber,Gregor Sander

Von Joachim Huber

und Gregor Sander

Das Kino International in der Karl-Marx- Allee ist vielleicht das schönste Kino Berlins. Dort, wo die Allee nicht mehr nach Stalin aussieht und noch nicht nach dem Beton des Alexanderplatzes, passen 550 Zuschauer in einen einzigen Saal mit Silbervorhang. Es wird nicht immer leicht sein, diese Plätze zu füllen. Im Moment ist das gar kein Problem, denn schließlich läuft hier gerade „Good bye, Lenin!“, und der führt seit Wochen die Hitlisten der Kinofilme an. Der Pegelstand steht bei über 4,3 Millionen Besuchern, darunter mehr als 250 Bundestagsabgeordnete. Jeden Tag strömen Sachsen und Schwaben, Hessen und Thüringer sowie Berliner aus allen Himmelsrichtungen gemeinsam in den blau bestuhlten Saal und warten mit Coca Cola und Beck’s in der Hand darauf, dass die DDR wiederaufersteht. Jedenfalls so eine Art DDR.

Der Film ist nicht nur in Berlin ein Erfolg sondern deutschlandweit. Er wird in Aachen offensichtlich genauso gemocht wie in Frankfurt/Oder, und das ist neu. Vielleicht liegt das daran, dass die DDR hier etwa so realitätsnah ist wie der Straßenstrich in „Pretty Woman“.

In Hannes Stöhrs Film „Berlin is in Germany“ gibt es einen Moment, in dem Jörg Schüttauf vor einem Fahrkartenautomaten in der U-Bahn am Alexanderplatz steht. Der Mann, den er spielt, hat die Wende und die Jahre danach im Gefängnis verbracht. Diese verlegene Schüchternheit und auch der Humor, mit dem Schüttauf gegen die ihm völlig fremde Maschine kämpft, ist unglaublich tragisch und komisch gleichzeitig. Auf solche Momente wartet man bei „Good bye, Lenin!“ vergebens.

Alica Remirez, Movie-Chefin von Sat 1, muss über die Frage lachen, ob es jetzt einen DDR-Boom in Film und Fernsehen geben wird. Laut lachen. Dann sagt sie: „Ich erwarte schon so einen Boom.“ Sat 1 hat schon „Sonnenallee“ mitproduziert und damit gute Erfahrungen gemacht. Der Abstand von mehr als zehn Jahren sei gut für einen neuen filmischen Blick auf die DDR. „Man kann jetzt das Humorige deutlicher herausarbeiten.“ Das gelte im übrigen nicht nur für die DDR, sondern auch für die alte Bundesrepublik, die ja auch untergegangen sei. Dort habe es beispielsweise diese Friedensdemonstrationen in Bonn gegeben und solche Dinge, und wenn man dies jetzt mit einer gewissen Lässigkeit und vor allem mit Humor betrachten würde, ergebe das vielleicht auch neue Filme.

Nur seien diese historischen Themen eben relativ teuer, weil man zum Teil ganze Straßenzüge nachbauen müsse. Bei Sat 1 wird aber konkret über zwei Filme geredet, die in der DDR spielen sollen. Einer davon sogar in der Nationalen Volksarmee.

Hans Janke, Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel des ZDF, freut sich über den Erfolg von „Good bye, Lenin!“. „Die Geschichte kommt zurück“, sagt er, und dass er relativ früh gegen das Wort „aufarbeiten“ eingetreten ist. Ihm ist es lieber, wenn die Geschichte „durch die Ritzen kommt.“ Das ZDF hat mit seiner gerade abgelaufenen Reihe „Ostwind“, in der auch „Berlin is in Germany" gezeigt wurde. Erfahrungen mit dem Thema DDR und Nachwendezeit.

Einen Trend erwartet Janke trotzdem nicht. „Sicher“, sagt Janke. „Wo Tauben sind, fliegen Tauben hin. Aber es geht doch darum, die unerzählten Geschichten zu finden.“ Und das würde eben dauern. Aber doch nicht so lange, bis das Thema am ZDF vorbeigerauscht ist. Zum 50. Jahrestag des 17. Juni 1953 rückt das Zweite bereits am 3. Juni den halb dokumentarischen, halb fiktionalen 105-Minuten-Film „Der Aufstand“ ins Programm: Die Mischform des Dokudramas hat schon beim „Deutschlandspiel“ über die Wendezeit 1989/90 gut funktioniert. Jürgen Vogel agiert in den Spielszenen des „Aufstandes“ als Bauarbeiter Heinz Pahl, der echte Pahl tritt als Zeitzeuge auf. Das dritte Film-Element sind Originalbilder vom 17. Juni 1953. Vielleicht ist auch Pahl drauf.

Nico Hofmann von der Berliner Produktionsfirma teamWorx macht sich Sorgen um das Geschichtsverständnis seiner Mitbürger. „80 Prozent der Deutschen wissen nicht mehr, was am 17. Juni 1953 passiert ist.“ Der von ihm für die ARD produzierte Film „Zwei Tage Hoffnung“ soll das ändern, wenn er am 14. Mai läuft (die berechtigte Sorge, dass am 17. Juni der 17. Juni in den Medien totgeritten ist, zaubert das merkwürdige Mai-Datum herbei).

„Wir haben schon vor zwei Jahren mit ‚Der Tunnel’ gute Quoten gehabt,“ ruft Nico Hofmann den Zweiteiler über die DDR-Flucht via Mauer-Untertunnelung in Erinnerung. Der Trend zur DDR-Geschichte sei virulent, man müsse die Geschichten eben nur mit Herz erzählen und nicht mit einem erhobenen Zeigefinger. „Kein dröges Historienkino, sondern mit viel Lachen und Weinen.“

Die teamworx-Produktion hält sich sehr streng an diese Erwartung, die zugleich eine Forderung des Auftraggebers ARD ist. Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse in Ost-Berlin erzähle „Zwei Tage Hoffnung“ die Geschichte der ungleichen Brüder Helmut und Wolfgang Kaminski, wie im Pressetext souffliert wird. Und der Film lässt keine Wünsche offen: „Ein ergreifendes Drama um Selbstbestimmung und Liebe, die Kraft und Kampfgeist, aber auch Angst und Entsetzen im Ausnahmezustand lebendig werden lässt.“

Was „Zwei Tage Hoffnung“ in Ost-Berlin passieren lässt, passiert am 7. Mai im ARD-Film „Tage des Sturms“ in Bitterfeld: Private Probleme eines Chemiewerk-Brigadiers werden von den politischen Ereignissen eingeholt und überholt. Aber die Kombinatsstadt geht auch komisch. Derzeit laufen die Dreharbeiten zur Komödie „Die Schönheit von Bitterfeld“: Kurz vor der Wende rufen die Arbeiterinnen des Chemiekombinats zur Miss-Wahl. Am Internationalen Frauentag, ausgerechnet, soll etwas Glamourstaub in den Alltag gepustet werden. Der WDR kündigt den Film als „komödiantischen Abgesang auf die DDR“ an. Bitterfeld, das steht fest, kommt im Frühjahr im deutschen Fernsehen ganz groß raus.

Die DDR, der Arbeiter-und Bauern-Staat ist als exzellenter Fernsehstoff entdeckt, allein, für den Fernsehfilm wird vorzugsweise eine Story aus der Historie herauspräpariert, damit die gewünschte Formel stimmt: „ … bringt den Zuschauern die dramatischen Geschehnisse in bewegenden Einzelschicksalen nahe …“ (ARD-Programmdirektion). „Zeit der Rache“, gezeigt am 26. März, hat den Weg planiert. Der Film wollte sich die Gerüchte zu Nutze machen, dass die Stasi Oppositionelle mittels Röntgenkanone verstrahlt haben soll; herausgekommen ist eine verquaste Familien-Liebes-DDR-Geschichte.

„Die Frau des Architekten“ nach dem Roman „Die Architekten“ von Stefan Heym ist für den 9 . April in der ARD angesetzt. Die Produktion ist knapp davor, das Thema der Vorlage – Verformung von Menschen in der Diktatur, unzureichende Entstalinisierung der DDR – auch im Fernsehfilm ernstzunehmen. Aber verflixt noch mal, der Versuch bleibt im Quotengestrüpp des 20-Uhr-15-Fernsehens hängen und verliert seinen ernsten Anlass an eine melancholische und ernste FamilienLiebes-DDR-Geschichte.

Es scheint, als könnten Fernsehproduktionen nicht anders: Eine DDR-Kulisse wird aufgebaut („Goog bye, Lenin!“), vor der realsozialistische Menschen ihre zwischenmenschlich immer gültigen Probleme austragen. Die große Emotion, die große Spannung – und die kleine DDR? Da geht die DDR gleich nochmal unter.

Was bei den meisten gezeigten oder geplanten Filmen auch auffällt, ist, dass in ihnen die DDR entweder ganz neu ist oder so gut wie weg. Sprich, die Zeit, in der das System in einer Starre lag, wo es kaum vor, sondern eher zurück ging, wird nicht als Filmstoff genutzt. So sah die DDR aber die meiste Zeit aus und war nicht eben lustig. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum es kaum Kinoproduktionen und Fernsehfilme gibt, die zwischen 1968 und 1988 spielen. Grau ist keine dramatische Farbe.

Im Herbst kommt nun erst mal die Verfilmung von Sven Regeners Erfolgsroman „Herr Lehmann“ in die Kinos. Der spielt in Kreuzberg vor dem Mauerfall, und da bleibt die DDR im Wesentlichen draußen.

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