Weltkrieg zwo abgesagt : Die Krauts sind ganz okay

Der britische Boulevard verzichtet vor dem WM-Achtelfinale gegen Deutschland weitgehend auf Kriegsgeschrei. Tagesspiegel-Korrespondent Matthias Thibaut und Tagesspiegel-Medien-Chef Joachim Huber analysieren ein neues Phänomen.

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Als Deutschland gegen England noch eine Fußballschlacht war wie bei der Fußball-EM 1996, zogen die Tommies den Helm tiefer ins Gesicht...
Als Deutschland gegen England noch eine Fußballschlacht war wie bei der Fußball-EM 1996, zogen die Tommies den Helm tiefer ins...

Britische Boulevardzeitungen haben die deutsch-englische Fußballbegegnung am Sonntag bei der Fußball-WM mit freudiger Erwartung, aber diesmal ohne kriegerische Untertöne auf die Titelseiten gesetzt. „Herr we go again“, schreibt die „Sun“ in dicken Balken. Das Wortspiel mit dem deutschen Wort bedeutet so viel wie, „Es ist mal wieder so weit“. Wenn im Inneren des Blattes von der „Kriegsmaschine“ und „dem alten Feind“ die Rede ist, muss man das metaphorisch sehen, als Ausdruck des Respekts vor einer großen gemeinsamen Fußballgeschichte.

Die Schlagzeile des „Mirror“ – „Jermainia!“ – ist ein Jubelschrei, der Germania und den Vornamen von Torschütze Jermain Defoe fusioniert und bange Freude ausdrückt. „Nun bringt uns die, äh, Deutschen“, schreibt das Blatt. Das „äh“ ist voller Selbstironie, nicht nur was die heimlichen Zweifel an der Leistungsstärke der eigenen Mannschaft angeht. Es ist auch die Erinnerung an die Zeiten, als „Mirror“, „Daily Mail“ und „Sun“ gerne deutsche Fußballer als „Krauts“ mit Stahlhelmen und Pickelhauben abbildeten und sich selbst vor solchen Partien mit Schlagzeilen wie „Achtung! Surrender“ (Achtung, gib auf!) oder „For you Fritz ze Euro 96 Championship is over“ Mut machten.

... vor dem Achtelfinale bei der WM in Südafrika gibt sich der „Daily Mirror“ friedlicherer und lockerer.
... vor dem Achtelfinale bei der WM in Südafrika gibt sich der „Daily Mirror“ friedlicherer und lockerer.Fotos: pa-dpa/promo

Die „antideutsche“ Stimmung, wenn es eine war, war damals in einem hohen Maße von der Europapolitik mitgeprägt. Die Briten waren in der Rezession, der Maastrichtvertrag, die Währungskrise 1992 hatten die Regierung Major von außen und in seiner Partei unter enormen Druck gesetzt und Wörter wie „Kapitulation“ oder „Belagerung“ gehörten damals nicht nur zum sportlichen, sondern auch politischen Vokabular.

Beim legendären WM-Endspiel 1966 lagen die Erinnerungen an den Krieg tatsächlich noch in der Luft. „Sollte uns Deutschland heute Nachmittag in Wembley in unserem Nationalsport schlagen, können wir immer noch sagen, dass wie sie jüngst zweimal in ihrem geschlagen haben“, schrieb ein Kommentator der „Daily Mail“. Aber insgesamt zügelte sich die Presse damals. Erst in den 90er Jahren schürten die Auflagenkämpfe der Zeitungen, der Euroskeptizismus der Medien und die Angst vor einem politisch dominierenden Deutschland die gereiztere Stimmung.

Seither wurden die antideutsche Reflexe in den britischen Medien immer seltener ausgespielt. Die WM 2006 war ein Durchbruch – für Deutschland, aber auch für die englischen Fans, nicht zuletzt, weil sie vor der Deutschlandfahrt durch eine harte „Fanschulung“ gehen mussten.

Als Franz Beckenbauer bei der laufenden WM nach dem USA-Spiel die Taktik des englischen Teams in der südafrikanischen „Times“ verhöhnte, blieben die Tabloids in Großbritannien gelassen. Nur Trainer Fabio Capello konterte, die Deutschen hätten „Angst“ vor England. Aber die Debatte beschränkte sich auf Fußball – und Trainer Capello ist Italiener.

Das Achtelfinale der Engländer gegen die deutsche Mannschaft am Sonntag um 16 Uhr, das die ARD übertragen wird, könnte zu einem neuen Quotenhoch bei der Einschaltquote führen. Schon der 1:0-Sieg gegen Ghana hat für eine Rekordmarke während der laufenden Fußball- WM: 29,19 Millionen Zuschauer bedeuten 79,7 Prozent Marktanteil. Die Auftaktpartie gegen Australien hatten 27,91 Millionen Menschen gesehen, die Niederlage gegen Serbien 22,01 Millionen.

Von einem Allzeithoch war die Nationalmannschaft jedoch noch einen Tick entfernt. Das WM-Halbfinale 2006 gegen Italien wollten 29,66 Millionen Zuschauer sehen, und das EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei vor zwei Jahren 29,54 Millionen. So ganz zu vergleichen sind die Werte laut dpa jedoch nicht, denn vor zwei Jahren wurden von der GfK-Fernsehforschung in Nürnberg noch nicht die Zuschauer erfasst, die bei Freunden zu Besuch waren.

Der tatsächliche Publikumszuspruch der Partie am Mittwochabend dürfte jedoch höher liegen, denn die GfK misst nicht die Zahl der Menschen, die beim Public Viewing auf öffentlichen Plätzen und in Kneipen vor den Bildschirmen und Großleinwänden standen. Auch die Fans, die das Spiel beim Abo-Sender Sky sahen, sind in der GfK-Quote nicht enthalten.

Während Sky alle 64 WM-Partien live überträgt, muss die genaue Aufteilung der Spiele ab dem Achtelfinale zwischen den Free-TV-Sendern ARD, ZDF und RTL noch erfolgen. Was feststeht: Die ARD überträgt die England-Partie, das Halbfinale bei deutscher Beteiligung und das Spiel um den dritten Platz; das ZDF zeigt das Viertelfinale bei deutscher Teilnahme und das Endspiel. Der Privatsender RTL überträgt die Achtelfinal-Spiele USA – Ghana und Argentinien – Mexiko.

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