„Weltrekoooooord!“ : Zeitmaschine Eurosport

Lars Spannagel

Eurosport einzuschalten, ist ein bisschen so, wie in eine Zeitmaschine zu steigen. Die WM-Übertragungen des Spartensenders kommen ohne alles aus, was in der modernen Sportberichterstattung vermeintlich Pflicht ist: gefühlige Interviews, aufwendige Grafiken, emotionale Hintergrundgeschichten. Bei Eurosport wird bodenständiges Fernsehen gemacht. Das liegt vor allem an den Kommentatoren Sigi Heinrich und Dirk Thiele.

Die Stimmen der beiden kennt man seit Jahrzehnten, sie waren schon auf Sendung, als Stabhochsprung eine reine Männerdisziplin war. Heinrich und Thiele kommentieren aber auch so, als habe sich der Sport seit 20 Jahren nicht verändert. Das kann Spaß machen, weil die beiden Experten sind. Bei Eurosport ist alles live, die Wettkämpfe laufen weiter, während die Kollegen von ARD und ZDF noch die deutschen Weitspringerinnen trösten.

Zu Usain Bolt fiel Sigi Heinrich ein, der Jamaikaner sei ein Genie wie Mozart oder Einstein. Bei aller Begeisterung ist aber auch Doping ein Thema bei Eurosport – allerdings eher als eine Frage, die sich andere stellen mögen. „Dröhnt er sich auch mit allen möglichen Drogen dieser Welt zu?“, schob Heinrich seiner Hymne auf Bolt hinterher. „Das ist durchaus möglich, das sagen die, die immer kritisieren müssen und kritisieren wollen.“

Manchmal hat man das Gefühl, Heinrich und Thiele kommentieren nur noch für sich, sie sitzen mit ihren Kopfhörern und Mikrofonen auf der Pressetribüne und vergessen völlig, dass es da draußen ein Publikum gibt. Als das Olympiastadion am Freitagabend im Regen versank, erinnerten sie sich gegenseitig an den schlimmen Wolkenbruch bei einer anderen Leichtathletik-Veranstaltung. War es in Edmonton? In Zagreb? Wer hatte wem damals beim Kommentieren den Schirm gehalten? Dann stritten sie darüber, wer den Hit „Am Tag, als der Regen kam“ hatte. Dalida, 1959. Lars Spannagel

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