"WELTREKOOORD!" : Wir sind alle kleine TV-Schizos

Bernd Gäbler

Nicht als ihre Meinung, sondern als eine mögliche Meinung bieten die Reporter und Kommentatoren immer wieder an: Wie Usain Bolt da lachend durch die Vorläufe joggt, das sei überheblich, demütigend, unsportlich.

O. k. – aber es sieht gut aus! Diese spielerische Überlegenheit, dieses pubertäre Herumalbern, dieses Ego, diese Leichtigkeit. Das Fernsehen zerreißt uns: es fasziniert und führt in die realen Abgründe. Desillusioniert sind wir spätestens seit dem Plump-Doping Ben Johnsons 1988. Aufgeklärt wurden wir noch einmal, als uns Hajo Seppelt zwei Tage vor der Leichtathletik-WM um Mitternacht im Ersten vor Augen führte, dass und wie es geht: mit Drogen vollgepumpt zu sein wie ein Junkie und dennoch clean alle Kontrollen zu passieren.

Und dennoch sind wir fasziniert. Wir alle können laufen, springen oder werfen. Das tun die Leichtathleten auch; aber was bei uns erdenschwer ist, wirkt bei ihnen himmlisch. Sie fliegen, schweben, katapultieren. Sie haben sich über uns erhoben. Wir schauen aufwärts. Sie sind Helden.

Verachtung ist nur die Gegenreaktion darauf, dass unser Verstand die spontane Verehrung nicht mitmachen will. Klüger als wir TV-Schizos sind die Verächter auch nicht. Vielleicht sind die Größten im Stadion künstlich geschaffene Helden. Aber erst recht naiv wäre die Idee, alle anderen seien nur menschlicher Natur. Die Grenze zwischen „natürlich“ und „künstlich“ ist selber fiktional geworden. Das ist unser Menschenwerk. Und unabhängig von seinem Benehmen: Usain Bolt ist ein Held unserer menschlichen Gattung.

Die Leichtathletik-WM ist Sport, keine Monstershow. Ich schalte erst ab, wenn die Läufer drei Beine haben, die Kugelstoßer Teleskop-Arme oder alle grünhäutig sind und mit ihren sieben Augen in die Kameras lächeln. Bernd Gäbler

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