Medien : Weniger Rente für Norbert Blüm

Warum Ranga Yogeshwar fordert, Politiker sollten mehr auf Wissenschaftler hören

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Warum ist Wissenschaft im Fernsehen heute beim Publikum so beliebt?

Dieser These würde ich so nicht ganz zustimmen. Es gibt natürliche Schwankungen in der Einstellung der Gesellschaft gegenüber der Wissenschaft. Eine Hochphase war zum Beispiel die Mondlandung in den 60er Jahren. Es gab aber auch Phasen der Enttäuschungen wie zum Beispiel über die Kernenergie in den 80ern, ausgelöst durch Tschernobyl. Die 90er wiederum brachten einen positiven Schub mit der rasanten Ausbreitung des Internets und mit dem Boom der Neuen Medien. Entscheidender ist allerdings, dass sich die Präsentation von Wissenschaft verändert hat: Heute gehen die Formate mehr auf die Bedürfnisse der Zuschauer ein …

… ist das der Grund für den Erfolg Ihrer Sendungen?

Wir haben „Quarks & Co“ als Format unter bestimmten Mediengruppen getestet: Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Verständlichkeit waren da die Stichworte für das, was die Zuschauer an dieser Sendung schätzten. Jedes Detail, jeder Inhalt wird im Studio von unserem Team mühevoll ausprobiert. Wir machen uns bei Experimenten auch schon mal die Hände schmutzig.

Ein ängstlicher Typ sind Sie offensichtlich nicht. Mit dem Fallschirm sind Sie ja auch einmal abgesprungen.

Ja, zum Thema der freien Fallgeschwindigkeit, die wir genau messen und erleben wollten. Alle diese Aktionen müssen inhaltlich motiviert sein. Allerdings würde ich mich für den Showeffekt einer Sendung etwa über Haie nicht unbedingt in ein Haifischbecken stellen. Bei einem solchen Experiment würde ich einfach keinen Lerneffekt sehen.

Solche SciencetainmentSendungen können aber auch eine allzu glatte Wissenschaftsgläubigkeit fördern.

Unsere Sendungen sollen bewusst eine Aufgeschlossenheit gegenüber der Wissenschaft fördern. Die ist heute noch in vielen Schichten der Bevölkerung unterentwickelt. Aber bei aller Begeisterung bleiben wir auch kritisch. Das konnte man jüngst bei „Quarks & Co“ sehen, wo wir von Menschen berichteten, die planen, das bedrohliche Treibhausgas Kohlendioxyd in den Ozean zu pumpen. Die Zuschauer sollen sich selbst eine Meinung bilden. Wir halten keine moralinen Predigten auf der Basis einer Wissenschaftsfeindlichkeit.

Welches Verhältnis haben Journalisten und Wissenschaftler zueinander?

Beide leben in total unterschiedlichen Welten. Es gibt im beruflichen Alltag oder in der Art zu kommunizieren große Unterschiede: Der Naturwissenschaftler träumt davon, ein zeitloses Naturgesetz zu entdecken. Journalisten sind auf aktuelle Themen fixiert.

Sollten Wissenschaftler mehr auf die Öffentlichkeit zugehen?

Sie sollten sich mehr Medienkompetenz aneignen und stärker aus der Isolation heraustreten. Ich möchte mehr das Wort von Wissenschaftlern zu Themen wie Rente oder sinkende Geburtenrate hören. Denken Sie nur einmal an Blüms Spruch „Die Rente ist sicher“. Die schwierigen demografischen Daten liegen doch auf dem Tisch und widerlegen solche Aussagen. Dafür müsste man ihm heute selbst die Rente kürzen. Die Politik hört nicht genug auf Wissenschaftler. Wissenschaft, Technik und Innovation sind die Impulsgeber unserer Gesellschaft.

Was bedeutet das für die Medien?

Die Impulse der Wissenschaft müssen sich in den Medien – in deren Funktion als Forum – mehr widerspiegeln. Es gibt eine lange Reihe von Problemen, für die Politiker einfach keine Lösung finden. Das merkt man an der Sendung von „Sabine Christiansen“. In der generellen Vereinsamung der politischen Kultur könnte die Wissenschaft eine Bereicherung sein.

Aus der Sicht Ihrer Vermittlerrolle von Wissen in die Öffentlichkeit: Was läuft falsch an deutschen Schulen?

In Relation zu den vielen Jahren, die ein durchschnittlicher Erwachsener zur Schule geht, vermittelt das Schulsystem viel zu wenig. Schule schaut zu sehr auf Gruppen und zwingt zur Konformität. Sie richtet sich zu wenig auf die einzelnen Fähigkeiten der Schüler. Die Pisa-Studie zeigt, dass über 20 Prozent der 15-jährigen Schüler ein Jahr wiederholen oder zurückgestellt werden. Ich glaube, wenn junge Menschen das Gehen in der Schule lernen müssten, dann würden viele heute noch über den Boden robben.

Das Gespräch führte Bernd Rasche.

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