Medien : Weniger wert als jeder Käfer

Doku über Menschen, die vor 60 Jahren in Stalingrad waren – als Kinder, als Soldaten

Kerstin Decker

Am Tag vor Weihnachten, am 23. Dezember 1942, war die 6. Armee im Kessel von Stalingrad verloren. Am nächsten Tag, erinnert sich eine alte Russin, über und über bedeckt mit Orden, kämpften die Deutschen nicht. Sie feierten „irgendein religiöses Fest". Da hatte die Sanitäterin, die auch am Maschinengewehr stand, Zeit, Gedichte zu schreiben.

60 Jahre ist die größte und vernichtendste Schlacht des Zweiten Weltkriegs vorbei. Man weiß, in den Seelen der Beteiligten gibt es ein solches „Vorbei“ nicht. Das zeigt auch dieser Film. Die Schlacht dauerte ein halbes Jahr, sie zerstörte eine Stadt und eine Armee.

Es gibt viele Filme, es gibt viele Bücher über Stalingrad. Und doch ist diese zweiteilige Dokumentation von Christian Klemke und Jan N. Lorenzen, produziert vom Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg, keine Wiederholung. Denn sie bricht auf souveräne Weise die Perspektiven. Bisher wurde an Stalingrad vor allem aus deutscher Sicht erinnert. Dieser Film nun gibt dem russischen – dem sowjetischen – Blick zurück ebenso viel Raum wie dem deutschen. Nicht nur Soldaten und Offizieren der Roten Armee, unter denen auch Frauen waren, sondern ebenso den Kindern von Stalingrad – jenen, die vor 60 Jahren Kinder waren.

Im Wolgograd von heute beginnt der Film. Das Wolgograder Mahnmal, diese vorwärts stürmende Frau mit dem Schreckensblick zurück, ist nicht nur Helden-Totenkult und Vaterlandsbeschwörung. In ihrem Blick liegt noch ein Grauen, das man im Siegesernst solcher Denkmäler sonst nicht findet.

Im August 1942 war Stalingrad eine Bürgerstadt mit einer halben Million Einwohner. Am 23. August flog die deutsche Luftwaffe 1600 Einsätze. Frauen und Männer, die vor der Stadt Panzergräben aushoben, liefen zurück, ihre Kinder zu retten und liefen direkt in die Bomben hinein. 40 000 starben. Es war, sagen die Autoren, wie bei der Zerstörung Dresdens mehr als zwei Jahre später. Nach einer Woche Bombardement war Stalingrad nur noch ein Trümmerfeld, aber Stalin ließ die Überlebenden nicht aus der Stadt bringen. Denn: Eine leere Stadt verteidigt man nicht.

Christian Klemke und Jan N. Lorenzen zeigen, wie grausam die Kalküle beider Diktatoren einander entsprachen. Der eine verbietet, eine schon verlorene Stadt zu evakuieren, der andere untersagt später seiner Armee den Ausbruch aus dem Kessel.

Mit dem Sieg über Stalingrad wollte Hitler den Endsieg vorwegnehmen, und Stalin konnte gerade die Stadt seines Namens nicht aufgeben. Beide zahlten jeden Preis. „Rattenkrieg“ heißt der erste Teil der Dokumentation (ARD, 21 Uhr 45), denn so nannten die Deutschen den nun beginnenden Kampf: Meter um Meter, Ruine für Ruine. Der zweite Teil „Der Kessel“ folgt am 23. Dezember.

150 000 deutsche Soldaten starben vor Stalingrad. Auf russischer Seite hat man die Opfer nicht gezählt. Nur das Schicksal der Stalingrader kennt man. Von der halben Million Einwohner lebten am Ende noch 10 000. Tausend davon waren Kinder. Kinder, die sich in der Kanalisation der Stadt eingruben, die erfuhren, dass sie „weniger wert waren als jeder Käfer“.

Nach 60 Jahren merkt man auf beiden Seiten vor allem eine große Gemeinsamkeit. Hier haben Menschen etwas überlebt, was sich eigentlich nicht überleben lässt. Spätere, leidlosere Generationen haben sich angewöhnt, die Älteren der Verdrängung zu verdächtigen, der verstockten Verweigerung einer Selbstbegegnung. Mit den Menschen in diesem Film begreift man, dass es bei solchem Nichtzulassen auch ums pure Weiterlebenkönnen ging.

Mama und ich haben das Wort Stalingrad niemals wieder erwähnt, sagt die Russin, die sechs Jahre alt war, als sie Stalingrad überstand.

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