Medien : Wenn Blicke tönen können

„Claudio Abbado: Die Stille hören“: Eine biografische Arte-Dokumentation über den Dirigenten

Frederik Hanssen

Was er zu sagen hat, steht ihm ins Gesicht geschrieben. Das allerdings bekommen zumeist nur die Musiker zu sehen. Nicht allein, weil ein Dirigent nun einmal berufsbedingt die allermeiste Zeit seinem Publikum den Rücken zukehrt, sondern auch, weil Claudio Abbado ein äußerst scheuer und wortkarger Mensch ist. Der weltweit gefeierte italienische Maestro blüht nur dann zu einem Kommunikationsgenie auf, wenn es darum geht, im Konzert die Partituren sprechen zu lassen. Dann können die Instrumentalisten aus seiner Gestik und Mimik plötzlich all das über seine Gefühle und Gedanken herauslesen, was er ihnen in den Proben verschwiegen hat. Darum sind für echte „Abbadiani“ die schlechtesten Plätze im Konzertsaal – auf der Chor-Empore hinterm Podium – stets die besten: Nur von hier aus kann man als Zuschauer Abbados stumme Bekenntnisse voll erfassen.

Paul Smaczny hat das verstanden und zeigt in seinem 60-minütigen Film über den Dirigenten immer wieder Abbados Gesicht während der Aufführungssituation, diesen schmalen Kopf, der nach der schweren Krebskrankheit vollends mönchisch-asketische Züge angenommen hat. Aber es ist Smaczny auch gelungen, unter Kamerabeobachtung zwei Interviews mit Abbado zu führen, einerseits in Luzern, wo dieser jüngst beim Sommerfestival am Vierwaldstättersee ein neues Weltspitzenorchester gegründet hat, andererseits – und das ist eine kleine Sensation – in Abbados Haus auf der Insel Sardinien. Die kurzen Sequenzen, die den Maestro im Garten vor einem atemberaubenden Mittelmeerpanorama zeigen, lassen die Dimensionen und die Eleganz des Domizils erahnen. Und das ist schon mehr, als Claudio Abbado üblicherweise über seine Privatsphäre preiszugeben bereit ist.

Dass der äußerst aufwendig gemachte Film im Untertitel dennoch „Skizzen zu einem Porträt“ heißt, ist keine Koketterie. Die charmant-distanzierten Worte des Dirigenten bleiben nämlich ebenso disparate Mosaiksteinchen wie die Statements seiner Freunde und musikalischen Weggefährten.

Für Anfänger in Sachen Abbado ist Smacznys Arbeit kaum zugänglich, da Grundkenntnisse über künstlerische Vorlieben, intellektuellen Hintergrund und Karrierestationen vorausgesetzt werden. Doch selbst für fortgeschrittene Fans lässt sich dieser komplizierte, faszinierende Charakter kaum in einer Sendestunde entschlüsseln. Das ist ja nicht einmal den Berliner Philharmonikern gelungen – in den 13 Jahren, die Abbado ihr Chefdirigent war.

„Claudio Abbado: Die Stille hören“. Arte, 21 Uhr 45.

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