Medien : Wenn der Kiosk stirbt

Frankreichs Presse steckt in der tiefsten Krise seit 1945. Sogar „Le Monde“ sucht einen Investor

Holger Alich[Paris]

Müde stützt die linke Hand den Kopf. Die Rechte nestelt an der Brille herum. Der Körper wirkt in sich zusammengezogen, als lauerte irgendwo Gefahr. „Wir haben die Mittel, um unabhängig zu bleiben.“ Das sagt Jean-Marie Colombani immer wieder, als müsse er sich selbst davon überzeugen. Colombani ist Verlagsleiter von „Le Monde“, einer der berühmtesten Zeitungen der Welt. Seine Gestik ist Programm: Colombani wittert Feinde hinter jeder Ecke - wie die gesamte französische Zeitungsbranche. Denn die durchleidet ihre schwerste Krise seit 1945.

Erste Opfer sind bereits zu beklagen. Der konservative „Figaro“, historischer Gegner der linksliberalen „Le Monde“, wurde im Sommer vom Rüstungsindustriellen Serge Dassault übernommen – die Unabhängigkeit ist futsch. Dassault setzte sich selbst auf den Chefsessel des Socpresse-Verlags und brachte einen neuen Chefredakteur mit, um die meuternde Redaktion ruhig zu stellen. Bei der sturmreifen „Libération“ verdichten sich Meldungen, nach denen Vincent Bolloré, Frankreichs Firmenraider Nummer eins, ins Leib- und Magenblatt der Linksintellektuellen einsteigen könnte. Und auch „Le Monde“ sucht dringend nach frischem Geld. Um die ärgsten Löcher zu stopfen, hat Verlagschef Colombani vergangenes Jahr eine Wandelanleihe über 62 Millionen Euro begeben. Aber das brachte nur kurzfristig Entlastung.

Nun rüttelt „Le Monde“ an alten Tabus. Der Verlag sucht einen europäischen Partner, der bis zu 25 Prozent an der Holding Le Monde S.A. übernehmen soll. Das erfuhr das „Handelsblatt“ aus unternehmensnahen Kreisen. Als möglicher Kandidat wird bei „Le Monde“ Bertelsmann gehandelt. Die Gütersloher sind mit ihrer Tochter Prisma Presse bereits in Frankreich engagiert – bislang aber nur im lukrativen Magazingeschäft.

Die Krise bei Frankreichs Zeitungen krempelt eine Branche um, die wie kaum eine zweite unter strukturellen Schwächen leidet: Subventionsmentalität, Überregulierung, sinkende Leserzahlen und schrumpfende Werbeeinnahmen beuteln Frankreichs Presse. Nun scheint zu kollabieren, was schon lange nicht mehr funktioniert. „Gesetze aus der Nachkriegszeit räumen den Gewerkschaften eine Macht ein, die es sonst nirgends auf der Welt gibt“, sagt Pascal Aubert, stellvertretender Chefredakteur der Wirtschaftszeitung „La Tribune“, die längst zum Luxusgüterkonzern LVMH gehört. Dickster Stein im Schuh der gallischen Zeitungsmacher: In Frankreich bestimmt die Gewerkschaft CGT, wie viele und welche Beschäftigte in Druck und Layout arbeiten. Folge für Zeitungsmanager: Exorbitant hohe Produktionskosten.

Grund ist die Geschichte. Um nach dem Krieg allen Blättern die wenigen Fachkräfte für die Zeitungsproduktion gleichermaßen zur Verfügung zu stellen, übertrug der Staat diese Aufgabe an die CGT. Die schuf daraus eine fast uneinnehmbare Machtbastion. Drohen unliebsame Beschlüsse, ruft die Gewerkschaft ihre Leute kurz vor Andruck zur „Informationsveranstaltung“ – Albtraum jeder Redaktion. Beliebt ist auch, dass die Korrektoren die letzte Seite der Zeitung nicht zum Druck freigeben, so die Produktion verzögern. Statt das Übel an der Wurzel zu packen, pumpt Frankreichs Politik immer mehr Steuergeld in die unprofitable Branche. Pro Jahr subventioniert die Regierung die Presse mit 1,13 Milliarden Euro. Zeitungen sind von der Gewerbesteuer befreit, unterliegen einer reduzierten Mehrwertsteuer, die Post transportiert die Blätter zum Schnäppchenpreis. Der neueste Vorschlag sieht vor, mit Gratisabos für Schulabgänger den Leserschwund zu bekämpfen.

Für viele kommt das aber wohl zu spät. Bei „Le Monde“ ist die Lage bitterernst. Nach drei Jahren mit Millionenverlusten wird die Verlagsgruppe auch 2004 nicht ihr Ziel erreichen, operativ schwarze Zahlen zu schreiben. Verlagsleiter Colombani will das Ruder herumreißen: „Wir müssen unsere strukturellen Kosten senken.“ Zwölf Prozent des Personals müssen gehen. Die Zustimmung der Gewerkschaft erpresste Colombani, indem er mit dem Verkauf der hauseigenen Druckerei drohte. Kern von Colombanis Rettungsplan ist ein Relaunch. Damit will der „Le Monde"-Chef die sinkenden Verkaufszahlen wieder in steigende verwandeln.

Von 1997 bis 2003 haben Frankreichs Tageszeitungen zwölf Prozent ihrer Leser verloren. „Le Monde“ verlor allein von Juli 2003 bis Juni 2004 über vier Prozent ihrer Leser – so viel, wie bei keinem anderen Wettbewerber. Auch andere Zöpfe will Colombani abschneiden. Sogar eine Verlegung des traditionellen Erscheinungstermins am Mittag ist für die ehemalige Abendzeitung kein Tabu mehr. Weil „Le Monde“ in Paris zwar täglich gegen 13 Uhr erscheint, in der französischen Provinz aber erst gegen Abend ankommt, laufen dem Blatt dort die Leser davon - es ist einfach veraltet.

Auch wenn Colombani sein Blatt revolutioniert: An einer weiteren Erbschaft aus der Nachkriegszeit kann auch er nichts ändern. Ein Gesetz aus dem Jahr 1947 sieht vor, dass Kioskbetreiber die Ware annehmen müssen, die ihnen die Verleger vorsetzen. Auf diese Weise sollten für jeden Titel gleiche Absatzchancen gewahrt bleiben. „Jeden Tag schicke ich 50 Prozent meiner Ware unverkauft zurück", erregt sich Kiosk-Betreiber Erwan Dupas. Abbestellen können Kioskpächter die Überschussware nicht. Auch wenn sie das Geld für nicht verkaufte Ware später zurückbekommen: Die Vorfinanzierung lastet auf der Rentabilität. Vor zehn Jahren gab es noch 450 Kioske in Paris. Heute sind es noch rund 300.

Für „Le Monde“-Chef Colombani ist das Aussterben der Kioske „ein Riesenproblem für die gesamte Presse“. In Frankreich werden die Tageszeitungen primär über den Kiosk an den Leser gebracht, weniger über Abonnements. „Wenn drei Verkaufsstände schließen, wird der vierte niemals den Absatzausfall abfangen“, umschreibt Colombani das Problem. Und denkt sich wohl: Und wer macht schon einen Umweg auf dem Weg zur Arbeit, um sich seine Zeitung zu kaufen? Da wird auch das neue Layout von „Le Monde“ nur wenig ändern.

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