Medien : Wenn die Begierde kreischt

Von Yoko Ono bis Victoria Beckham: Arte-Reihe zum Verhältnis von Sex und Pop

Kai Müller

Der Popmusiker Rocko Schamoni hat auf seiner letzten Platte einen hübschen Dialog einer Verführung eingespielt. Eine Frau betritt darin einen Park, bewundert Flamingos, Mondschein und Palmen und staunt: „Wem gehört das alles?“ Der Mann, der sie begleitet, sagt: „Es gehört dir heute Nacht.“ Aber sie gesteht ihm, dass sie noch nie mit einem Mann geschlafen habe. Er sagt, er auch noch nicht. „Du lügst.“ – „Du auch.“ Beide lachen. Dann kommt der Mann zur Sache: „Zieh dich aus“, sagt er. – „Du aber auch.“ – „Das ist ja wohl eh klar.“ Worauf sich das Paar einem Gestöhne hingibt, das nichts verheimlicht.

Das ist ja wohl eh klar. Schöner kann man es nicht sagen. Sex ist in der Popkultur so selbstverständlich wie elektrischer Strom – reine Körperlichkeit, etwas, das sich nicht über Worte vermittelt. Sei es James Browns „Sexmachine“, „I Want Your Sex“ von George Michael oder Paul McCartneys „Why Don’t We Do It In The Road“, Popkünstler begnügen sich nicht mit verhüllten Umschreibungen dessen, was der Dichter Hans Henny Jahnn als „Wildheit der Liebe“ bezeichnet hat. Popsongs sprechen die Lust, übereinander herzufallen und „es“ zu tun, nicht nur offen aus. Sie zelebrieren sie. Die Stimme überschlägt sich förmlich vor Erregung. Das Kreischen und Keuchen von Little Richard, die Zungenfertigkeit von Jimi Hendrix, der seine Gitarre wie eine Frau liebkoste, sie sprechen eine andere Sprache und triumphieren über die Leistungsgesellschaft, indem sie das Begehren über das Funktionieren stellen, das Private zur öffentlichen Geste machen. „Hit Me With Your Rhythm Stick“, sang Ian Dury, Madonna träumte in „Justify My Love“ vom Beischlaf im Zugabteil, und Frank Zappa, der Schonungsloseste unter denen, die nicht mehr an die Liebe glauben, er schilderte Sex als mechanische Ekstase, als eine Entgrenzung ohne Illusionen.

Neuerdings treten schwarze HipHop- Stars wie Snoop Dogg, 50 Cent oder Ice-T sogar in Porno-Videos auf und krönen ihre protzige Selbstdarstellung als Weiberhelden, denen weiße Mädchen scharenweise zu Füßen liegen, mit Hardcore-Filmen. Die heißen „Pimpin’ 101“, „Doggystyle“ oder „Groupie Luv“ und schließen die Lücke zur Sex-Industrie. Damit ist die Selbstermächtigung des antibürgerlichen Rebellen auf die Spitze getrieben. Sex sells – und bedient nur noch den Voyeurismus von Leuten, die der kalten Verfügbarkeit des Frauenkörpers Vergnügen empfinden.

Wie zahm und unschuldig wirken dagegen die Hüftschwünge von Elvis Presley, mit dem die Sexualisierung der Popkultur einsetzte. Elvis eigenartiges, nervöses Beckenzucken, das sein Publikum um den Verstand brachte, steht auch am Anfang der sechsteiligen Arte-Reihe „Sex’n’Pop“. Sie ist der – zumindest dem Titel nach – ambitionierte Versuch, die Ära des Pop als sexuelle Befreiungsepoche zu deuten. Neben Sexualwissenschaftlern und Pop-Historikern kommen vor allem die Akteure dieser Revolution zu Wort. Neben Eric Burdon („Es ist okay, sexuelle Gefühle zu haben“) so illustre Gestalten wie Ringo Starr, Bill Wyman, Jane Birkin, Victoria Beckham und Cynthia Plaster Caster, die stolz den Gipsabdruck von Jimi Hendrix’ erigiertem Penis präsentiert. Leider gelangt die Dokumentation über ein paar Anekdoten und vage Thesen kaum hinaus. „Am Anfang war Liebe“, orakelt Yoko Ono einmal, „und Liebe ist Sex.“

Das ist zu wenig, gemessen an der Tatsache, dass kaum ein Monat vergeht, in dem nicht ein Popstar in irgendeinen Sex-Skandal verwickelt ist. Michael Jackson, dem Kindesmissbrauch vorgeworfen wird, oder der R&B-Musiker und Grammy-Gewinner R. Kelly, der wegen Kinderpornografie angeklagt worden ist, sind nur die prominentesten Fälle einer Kultur, die sich von Anbeginn über sexuelle Grenzgänge definierte: Jerry Lee Lewis heiratete seine 13-jährige Cousine, Priscilla Presley war ebenfalls minderjährig, als sie von Elvis umworben wurde. Aus bürgerlichen Rollenmodellen auszubrechen, bedeutete für die Pioniere des Rock’n’Roll, ein eigenes Sexualverständnis zu entwickeln. Aber worauf sollte es sich stützen? Auf die Ergebenheit der Fans, die zu allem bereit waren? Oder auf die eigene Unersättlichkeit und die diffuse sexuelle Orientierung, die sich, wie Lou Reeds frühes Œuvre zeigt, in düster- zynische Sado-Maso-Fantasien ergibt?

Es wäre interessant gewesen, ein Phänomen wie die Groupies näher zu betrachten. Nirgendwo ist das Gefälle von Starkult und sexueller Depression so groß wie hier, hinter den Popkulissen, wo Mädchen von gelangweilten Musikern „vernascht“ werden – und jeder was davon hat, wenn auch nicht dasselbe. So ist „Sex’n’Pop“ nur eine gut gemeinte Chronik. Über die Macht der Popkultur erklärt sie nichts.

„Are You Lonesome Tonight“: Arte, 23 Uhr. Weitere Folgen immer donnerstags gegen 23 Uhr

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