Medien : Wenn es Nacht wird im ZDF

Das „nachtstudio“ läuft zum 200. Mal, und das „Philosophische Quartett“ zieht von Leipzig nach Wolfsburg

Joachim Huber

„Nachts darf das Medium Fernsehen träumen.“ Mit diesem Satz ging das ZDF-„nachtstudio“ 1997 auf Sendung und ist seitdem ein Aktionsfeld für querschießende Gedanken. Seit 200 Sendungen begrüßt Volker Panzer Gesprächspartner am virtuellen Kamin: Künstler, Philosophen, Schriftsteller, Schauspieler und Wissenschaftler. Sie erörtern Ewigkeits-Fragen wie „Was ist Glück?“ genauso wie abseitige Themen wie „Was will der Wind?“. „Wir versuchen als Feuilleton des Fernsehens neue Denkanstöße zu geben“, sagt Panzer über den Talk, den er eng mit seiner Person verknüpft. Thema der Jubiläumssendung in der Nacht zum Montag (1 Uhr 20) sollen wie bei der Premiere die Medien sein. Hieß das Thema damals „Fernsehen – Der Kult im Kasten“, stehen jetzt der „Weltkrieg der Bilder – Massenmedien und Demokratie“ zum „Diskurs“ an, wie eines der Lieblingsworte von Panzer heißt. Die Quergedanken haben verlässliche Fans: Im Schnitt verfolgen etwa 300 000 Zuschauer die Sendung.

Die somnambulen Zuschauer sind umkämpft. Am 21. September bleibt das „nachtstudio“ geschlossen, das ZDF hat das „Philosophische Quartett“ angesetzt. Noch drei Mal in diesem Jahr sollen Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski Mitdenker um sich scharen. Zu diesem Datum melden sie sich nicht mehr aus der „Gläsernen Fabrik“ des VW-Konzerns, sondern aus der VW-Zentrale in Wolfsburg. Auch wenn sich ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut zur sinnfälligen Begründung des Umzugs die Zunge verbiegt, so gibt es nur einen wahren Grund: Der Autokonzern hat seine finanzielle „Beistellung“ zur Produktion der Sendung vom Wechsel abhängig gemacht – in „Golfburg“ läuft der Talk kostengünstiger vom Band.

„Ich will diese Programmfarbe unbedingt im Programm halten“, sagt Bellut. Dafür muss einiges getan werden – auch von Peter Sloterdijk. Das ZDF hatte gehofft, dass der Philosoph im Quartett die Qualität annehmen würde, wie sie ein Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ entwickelt hat. Das hat Sloterdijk, dieser außergewöhnliche, arrogante Denker nicht geschafft – erkennbar auch nicht schaffen wollen. Seine Sendungen fallen höchst unterschiedlich aus, mal will sich der Meister zum Fernsehvolk hinabbeugen, dann wieder nicht. Sloterdijk möchte nicht akzeptieren, dass er sich dem Fernsehen hingeben muss, wenn er reüssieren will. Jetzt wird er drei Ausgaben lang schärfstens beobachtet. Bei Nichtgefallen könnte es sein, dass sich das „Philosophische Quartett“ länger im ZDF-Programm hält als der Philosoph Peter Sloterdijk im Moderatoren-Park.

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