Medien : Wenn Hoffnung trügt

Der Fernsehfilm „Ein langer Abschied“ ist das Highlight der ARD-Themenwoche Krebs

Thilo Wydra

Loslassen können. Darum geht es. Einen Menschen loslassen, den man zutiefst liebt. Die Lebenssituation, die Lebensumstände erfordern es. Manchmal gehört eine Krebs-Erkrankung zu diesen Lebensbedingungen dazu. Mit der Diagnose beginnt der Kampf. Und mit dem Kampf geht die existenzielle Hoffnung einher, dass alles wieder so sein werde, wie es vor der Diagnose einmal war. Eine Hoffnung, die nicht selten trügerisch ist – gerade in aussichtslosen Fällen. Das Annehmen, das Akzeptieren dessen stellt mit die größte menschliche Herausforderung für den Betroffenen und seine nächsten Angehörigen dar. Die Krankheit annehmen, den geliebten Menschen loslassen und nicht unnötig länger halten – genau darum geht es auch in dem ARD-Fernsehfilm „Ein langer Abschied“ (Regie: Johannes Fabrick, Buch: Silke Zertz), der zweifelsohne das filmische Highlight dieser ersten ARD-Themenwoche Krebs darstellt. Und es geht darum, wie man die Herausforderung des Annehmens und Loslassens für sich besser umsetzt, ohne es etwa dem Schwerkranken noch schwerer zu machen und ihn, koste es was es wolle, unbedingt zu halten.

Der Schwerkranke in dieser Geschichte ist ein Mädchen, Rebecca (Maxi Mari Duck), das seit längerem an Leukämie leidet. Chemotherapie. Vorübergehende Besserung. Rückfall. Chemotherapie. Die Ehe von Ellen (Sophie von Kessel) und Ralph Jacoby (Tim Bergmann) leidet zusehends unter der schweren Erkrankung ihrer gemeinsamen Tochter, Ralph beginnt Ellen zu betrügen, da diese seit Jahren nur noch Augen für die Tochter und ihr Wohl hat.

Die Ehe wird in Ralphs Augen nicht mehr gelebt. Als Rebecca einen schweren Rückfall erleidet und wieder ins Krankenhaus muss, wo sich zwischenzeitlich der neue Chefarzt Dr. Berinson (Filip Peeters) um die kleinen Patienten kümmert, da scheint die Ehe am Ende. Während Rebecca eingeliefert wird, ist Ralph bei Annika, seiner Affäre. Ein doppelter Kampf beginnt – für Rebeccas Leben um jeden Preis und um eine Ehe. Nur, dass in beidem die Haltungen von Ellen und Ralph differieren: Ellen beharrt auf einer sehr schwierigen Stammzellentransplantation, für die sie sogar ein zweites Kind bekommen will. Dessen Nabelschnur könnte die Stammzellen für die Tochter liefern. Ein zweites gemeinsames Kind trotz einer völlig zerrütteten Beziehung, nur um das Leben des ersten Kindes eventuell zu verlängern. Das kann und will Ralph nicht. Der Graben vertieft sich weiter …

„Ein langer Abschied“ ist ein sehr schwerer Fernsehfilm. Ein fein psychologisch angelegtes Seelen-Drama. Eines, das es dem Zuschauer nicht leicht macht – nicht leicht machen will. Eines, das trotz Primetime-Sendeplatz nicht der Unterhaltung dient, ganz im Gegenteil: Dieser Film von Regisseur Johannes Fabrick („Verbotene Küsse“) und Autorin Silke Zertz („Die Mandantin“) ist von einem ähnlich hohen Niveau, von einem ebenso seltenen Anspruch, wie es letztes Jahr das vielfach ausgezeichnete Krebs- Drama „Marias letzte Reise“ war. Hier wird erst auf die Qualität gesehen, dann auf die Quote. Ein Wagnis des Senders, das Anerkennung verdient. Denn Fabrick und Zertz gehen trotz der ungemein hohen Emotionalität, die sich zwangsläufig durch die Thematik ergibt, keinerlei Kompromisse zugunsten einer Fernseh-Kompatibilität ein, machen keinerlei Zugeständnisse an jedwede Form von Pathos, Kitsch, Klischee. So enthält dieses herausragende Krebs-Drama Sequenzen, die extrem dicht an der Grenze des Erträglichen liegen, Sequenzen, die einen nach dem Sehen begleiten, zum Nachdenken anregen. Vielleicht helfen? Die Darsteller sind allesamt überzeugend und sensibel von der Regie geführt, Sophie von Kessels Kampf als zutiefst verzweifelte Mutter, ihr Irrweg, ihr Nicht-Loslassen-Können, ihr Festhalten – das berührt und bewegt. Und auch Tim Bergmann als Vater, Maxi-Mari Duck als Tochter und Filip Peeters als der Wahrheit verpflichteter Onkologe sind nicht minder gut. Nichts ist hier überhöht, alles ist sehr geerdet, sehr klar gehalten. Einfach. Die Intensität ist hierdurch umso größer: Es gilt, dem langsamen Sterben eines verkrebsten Mädchens zuzusehen. Kein Happy End. „Ein langer Abschied“ ist ein sehr schwerer und zugleich ein sehr wichtiger Film. Er hat jeden einzelnen Zuschauer verdient.

„Ein langer Abschied“: ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15

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