Medien : Wer braucht noch Schmidt?

Heute geht der Late-Talker in die Sommerpause. Hoffentlich wird sie kreativ

Rainer Moritz

Viele Fernsehprogramme geben ihren Betrachtern freundlicherweise die Möglichkeit, gleichzeitig sinnvollen Beschäftigungen nachgehen. Wer mag schon andauernd den üblichen Verdächtigen bei „Sabine Christiansen“ zuhören oder nur Augen für ein sturzfades UEFA-Cup-Spiel haben? Nein, wer fernsieht, nutzt die Chance, in Frauenmagazinen zu blättern, Manufactum-Kataloge zu wälzen, eine To-do-Liste zu machen oder endlich wieder ein Wort an die auf dem Sofa hingestreckte Ehefrau zu richten.

Zu den wenigen Sendungen, die man selten als bloßes Beiwerk konsumieren wollte, gehörte die „Harald Schmidt Show“, damals, als ihre Galionsfigur noch nicht in den friedlichen Hafen der Öffentlich-Rechtlichen zurückgekehrt war. Wer heute über Harald Schmidt redet, tut dies als raunender Beschwörer des Imperfekts und muss konstatieren, dass die große Zeit dieser einstigen Lichtgestalt vorbei ist und es – Rudi Carrell hat es uns bereits geweissagt – nicht all zu lange dauern wird, bis Schmidts mühsam kaschierte Unlust, eine halbe Stunde ARD-Sendezeit zu strecken, ihn nicht nur heute in die Sommerpause, sondern zur Demission treiben wird.

Harald Schmidt, das war einmal das Kontrastprogramm zu allem, was an Ausgewogenem und politisch Korrektem über die Kanäle ging und geht. Binnen weniger Jahre wurde der schwäbische Schauspieler zur verehrten Integrationsfigur derjenigen, die sich dem globalisierten Kapitalismus entgegenstemmten. Ausgerechnet in einem kulturfernen Kommerzsender wie Sat 1 wurden – scheinbar – die grausamen Regeln des Geldbeschaffungsfernsehens außer Kraft gesetzt. Schmidt spielte mit Playmobil-Figuren die Welt- und Kunstgeschichte nach, opferte kostbare Sendezeit für Phasen gähnender Leere und ergötzte sich daran, seinen Arbeitgeber bloßzustellen.

Das allenthalben von Mut- und Visionslosigkeit befallene intellektuelle Lager schöpfte nächtens Trost, sobald der Mann aus Nürtingen auf die Bühne trat und mit oft grandios gutem Witz das „Grand Hotel Abgrund“ dekorierte. Schmidt wurde Institution, wurde „Kult“ – und wer eine derartige Fallhöhe erreicht, lebt fortan gefährlich. Nachgerade grotesk nahm sich die Wehklage aus, als Harald Schmidt 2003 ankündigte, eine „kreative Pause“ antreten und seine Gemeinde mit ihren Sorgen alleine lassen zu wollen. Das Feuilleton einer Frankfurter Tageszeitung verbannte alle Themen ans Blattende, um den Abschied Harald Schmidts als nationalen Untergang bejammern zu lassen. Tagelang schien der Zusammenbruch eines Kulturvolkes besiegelt zu sein – eine Verrückung der Maßstäbe, die hysterische Formen annahm und offenkundig auch ARD-Intendanten nicht unberührt ließ.

Harald Schmidt hat aus seiner schöpferischen Weltreise wenig gemacht. Immer wieder blitzt noch heute in seinen Monologen Zitierfähiges auf, das sofortiges Dahindämmern verhindert. Ganz nett – mehr leider nicht – ist es, wenn er sich als „Brücke“-Maler versucht, Guido Westerwelle zum „Alkopop der Politik“ degradiert oder Modelle der romanischen Kirchen in Köln abschreitet. Höhepunkte wie Egon Hoegens Rezitation von Adam Greens Gedicht „Gefrorene schwule Schildkröte“ bleiben Ausnahmen; die Idee, eine funktionslose „ARD-Showband“ zu engagieren, erwies sich als Rohrkrepierer, und Schmidts Stichwortgeber Manuel Andrack ist zur Belastung geworden.

Im Sat-1-Format gefiel Andrack als bräsiger Normalo mit vernünftigen Ansichten und tolpatschigen Einlagen, der Freigeist Schmidt und seine Damenriege um Madame Nathalie ergänzte. Inzwischen versucht Andrack von seinem geliehenen Ruhm zu profitieren und schreibt Bücher, die zum Wandern auffordern und seine Reiseerfahrungen mit dem 1. FC Köln in der zweiten Bundesliga schildern. Schmidt & Andrack geben ein gelangweiltes Paar, das vor der Zeit seinem Ruhestand entgegengetaumelt, und nirgendwo ist Hoffnung, dass sich beide am eigenen Schopf aus ihrem Sumpf der Inspirationsarmut herausziehen werden.

Millionär Schmidt scheint sich selbst in seiner Sendung permanent zu langweilen – eine Haltung, die auf Dauer ihren Gagcharakter verliert. Es mag anfänglich – um die Gesetze des Mediums zu konterkarieren – reizvoll, ja subversiv gewesen sein, die eigene Einfallslosigkeit zur Schau zu stellen und die letzten Minuten ohne Pointenreservetank über die Runden zu bringen. Inzwischen gibt es, so bitter das klingt, keine Notwendigkeit mehr, sich Harald Schmidt anzusehen. Einzelne Bonmots lassen sich weiterhin zitieren, keine Frage, doch eine große Müdigkeit hat sich unter denjenigen ausgebreitet, die ihrem Meister einst hingebungsvoll folgten. „Siehst du Harald Schmidt?“ – auf diese Frage antworten selbst treue Weggefährten von einst ausweichend mit „Ja, manchmal“ oder „Wenn ich so rumzappe ...“

Man kommt ohne Harald Schmidt gut durchs Leben, und wer sich über Angela Merkel, den Papst oder Oskar Lafontaine mokieren möchte, ist auf Schmidts Beistand nicht angewiesen. Er selber weiß das und wird die Sommerpause wohl dazu nutzen, das Problem zu bedenken und mit Playmobil-Figuren nachzustellen. So wie damals, als wir meinten, ohne Harald Schmidts Kommentare zum Tagesgeschehen nicht einschlafen zu können. Mir reichen Rotwein und ein alter „Tatort“, um mit der Welt ins Reine zu kommen.

„Harald Schmidt“, ARD, 23 Uhr

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