Medien : Wer dreimal lügt

Auf einer Website werden Wahlkampf-Aussagen von George W. Bush und John Kerry hinterfragt

Matthias B. Krause

Brooks Jackson hat nur ein paar Minuten. Gerade kommt er von einer Beratung mit seinem Computer-Spezialisten, und auf der anderen Leitung wartet ein Reporter. Eigentlich hatte er gedacht, es würde ruhiger zugehen in seinem Leben, als er vor vier Jahren von seinem Job beim Nachrichtensender CNN an die Universität von Pennsylvania wechselte. „Aber jetzt sind wir keine verschlafene Uni-Webseite mehr, sondern fast eine kleine Nachrichtenagentur“, sagt Jackson. Schuld daran ist Vize-Präsident Dick Cheney. Der versuchte sich in der Debatte mit seinem demokratischen Herausforderer John Edwards gegen Vorwürfe zu verteidigen, er schanzte seiner ehemaligen Firma illegal Irak-Aufträge zu. Er könne das nicht im Detail ausführen, sagte Cheney, aber die seien im Internet bei FactCheck nachzulesen.

FactCheck.org? Das ist das Projekt, das Jackson leitet. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern nimmt er alles unter die Lupe, was die Politiker im Wahlkampf in den Raum stellen. „Sie haben den Instinkt, den Leuten zu sagen, was sie hören wollen“, sagt Jackson, „manche glauben den Unsinn. Auf der anderen Seite gibt es einen großen Hunger nach der Wahrheit.“ Um den zu stillen, stellt FactCheck den Behauptungen die Fakten gegenüber, ausführlich und durch Fundstellen belegt. Das liest sich wie eine Mischung aus journalistischem Bericht und wissenschaftlicher Abhandlung und soll möglichst neutral sein.

Das Projekt wird von Geldern der Annenberg-Stiftung gefördert, einer überparteilichen Einrichtung. Zuwendungen von Parteien, Gewerkschaften, Lobbygruppen oder Medien lehnt FactCheck ab. „Wir arbeiten in guter alter journalistischer Tradition“, sagt Jackson, „nur dass wir uns etwas mehr Zeit lassen mit der Recherche“. Zuviel allerdings auch nicht. Bei großen Ereignissen wie den TV-Debatten zwischen dem Präsidenten, seinem Vize und deren Herausforderern arbeiten die drei Politik-Wissenschaftler die Nacht durch. So haben sie auch beim zweiten Duell zwischen George W. Bush und John Kerry am Freitagabend in Cleveland penibel alles aufgeschrieben, was ihnen Spanisch vorkommt, einer Prüfung unterzogen und die entlarvenden Ergebnisse am Morgen ins Internet gestellt.

Ein Kontroll-Job, den eigentlich die Medien übernehmen sollten, doch die hielten sich in der Vergangenheit oft an Äußerlichkeiten fest. Da wurde jede noch so kleine Geste interpretiert, jedes Räuspern analysiert. Mittlerweile allerdings greifen große TV-Stationen wie CNN oder Nachrichtenagenturen wie AP bei ihren Analysen der Debatten auf FactCheck als Quelle zurück. Das muss für Jackson eine besondere Genugtuung sein, war doch nach 34 Berufsjahren als Journalist als Journalist unter anderem für AP und die „Washington Post“ 1990 bei CNN sein Vertrag nicht verlängert worden. Dort hatte er das gemacht, was er nun an der Uni perfektioniert. Doch weil der Sender an Rupert Murdocks Krawall-Kanal „Fox News“ Zuschauer verlor, wollten die Verantwortlichen knalligere Stücke, als Jackson sie liefern mochte. „Untersuchungen belegen, dass man mit schlecht gemachter Kritik das Gegenteil erreicht“, sagt Jackson, „am Ende glauben die Leute den Lügen in den Spots nur noch mehr.“ Deshalb stieg er aus dem Journalismus aus und ein in die Politik-Wissenschaft.

Dass es selbst in der Welt des Häppchen-Journalismus Bedarf an gründlicher Information gibt, zeigen die Zahlen von FactCheck. 29000 Internetbenutzer klickten durchschnittlich im September pro Tag auf die Seite, am bis dahin besten Tag waren es 63000. Mit dem Beginn der insgesamt vier TV-Debatten nahm das Interesse deutlich zu – und nach der Erwähnung durch Cheney schnellte die Zahl der Besucher an einem Tag auf 368000 hoch. So schnell, dass die Seite unter der Last zusammenbrach und für Stunden nicht zu erreichen war.

Cheney selbst hat sich mit seinem Verweis zur besten Sendezeit einen Bärendienst erwiesen. Zum einen sprach FactCheck ihn vom Vorwurf frei, durch dubiose Auftragsvergaben profitiert zu haben. Zum anderen leistete sich der Vize-Präsident einen peinlichen Fehler. Statt auf factcheck.org verwies er auf factcheck.com – eine kommerzielle Internetseite, die umgeleitet wurde auf die Homepage des Bush-Hassers George Soros. Der verwendet einen Teil seines Milliarden-Vermögens darauf, die Regierung aus dem Amt zu jagen und begrüßt seine Besucher mit der Überschrift: „Warum Bush nicht wiedergewählt werden darf.“

Im Internet:

www.factcheck.org

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