Medien : Wer hat Angst vorm WWW?

Nur glaubwürdige Printmarken sind online erfolgreich

Ulrike Simon

Gerade ermittelte eine Umfrage, dass nur sechs Prozent der 16- bis 65-Jährigen etwas mit dem Begriff „Web 2.0“ anzufangen wüssten. Darunter zu verstehen ist eine Neuauflage der Internetrevolution. Der Unterschied zur ersten um die Jahrtausendwende besteht darin, dass die Nutzer zunehmend selbst aktiv sind, Inhalte ins Netz stellen (etwa beim Portal Youtube), bearbeiten (Wikipedia) oder kommentieren (Blogs). Verlage, deren ureigenstes Metier es ist, Inhalte jeglicher Art zu erstellen, die sie sich vom Leser bezahlen lassen, fühlen sich entsprechend gefordert, mit dem Phänomen umzugehen. Der Grund ist simpel: Wollen sie nicht ihr Publikum verlieren, und damit die Werbekundschaft, müssen sie den Lesern ins Netz folgen.

Noch weiß niemand, ob „Web 2.0“ ein kommerzieller Erfolg wird oder nur eine „Internetblase 2.0“. 850 Medienmanager der heute in Berlin endenden Zeitschriftentage – so viele wie nie – treibt die Frage um: Was müssen Verlage tun, um trotz Internet die Leser zu behalten? Die Antwort kehrt die Frage um: Nicht trotz, sondern dank Internet gibt es neue Möglichkeiten, Leser an Zeitschriften zu binden.

Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz lieferte die Begründung: „Im Netz existieren Sie nur, wenn andere auf Sie verlinken.“ Insofern sei „die Schlacht des 21. Jahrhunderts die um Aufmerksamkeit“. Aufmerksamkeit wiederum ermöglichten nur bekannte Marken mit hohem Glaubwürdigkeitsfaktor. Darin sieht Bolz die Chance von Zeitschriften. Ihre Aufgabe sei es, auch online Navigator zu sein, Angebote zu filtern und Informationen möglichst journalistisch-objektiv einzuordnen – im Gegensatz zu jenen meinungsstarken Laienjournalisten, die im World Wide Web unterwegs und keinen professionellen Standards verpflichtet sind.

Zugleich müssten klassische Medienmarken sämtliche technischen Möglichkeiten des Internets nutzen. Dazu gehören neben Texten, Fotostrecken, Umfragen, Nutzerforen und mobilen Diensten teures Internetfernsehen und Videos, sagte Wolfgang Büchner, stellvertretender Chefredakteur von „Spiegel Online“. Als Beispiel nannte er die noch recht junge, viermal täglich aktualisierte Nachrichtensendung auf „Spiegel Online“. Büchner warnte die Verlage davor, sich dabei auf austauschbares Material zu verlassen, wie es Reuters und andere Nachrichtenagenturen anbieten. Online-Angebote von Zeitschriften dürften nicht minder professionell produziert werden, „sonst ist die Marke schnell ramponiert“. Der Verlegertraum, Reporter mit Digicams auszurüsten und zu eierlegenden Wollmilchsäuen umzufunktionieren, habe schließlich schon bei der geplatzten ersten Interneteuphorie nicht funktioniert. Die Fehler müssen bei „Web 2.0“ ja nicht wiederholt werden.

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